Die NDR Bigband. © Foto: Floeder
Jazz und Hip-Hop sind wie zwei potenzielle Liebende, die sich distanziert bis interessiert beäugen. Man findet den jeweils anderen vielleicht ein wenig seltsam, aber schon auch attraktiv. Und so landet man schon mal für eine Nacht gemeinsam auf der Bühne, verbringt vielleicht sogar ein paar Tage gemeinsam im Studio – nur um kurz darauf festzustellen, dass die Gemeinsamkeiten für eine längerfristige Beziehung wohl doch nicht ausreichen. Die NDR Bigband und das Hamburger Electro-Groove-Quartett Toytoy um Schlagzeuger Silvan Strauß versuchen es schon seit ein paar Jahren immer wieder miteinander. Wie gut die beiden aus trickreicher Tüftelei (beim Programmieren und Komponieren) und Live-Energie gespeisten Musikwelten zusammenpassen, war jetzt im Bergson Kunstkraftwerk im Münchner Westen zu bestaunen.
Toytoy ersetzen mit Gitarre, E-Bass und Percussion die angestammte akustische Rhythmusgruppe der Bigband, heißt: Kopfnicker-Groove statt Fußwipper-Swing. Auf diesem so soliden wie elastischen Fundament errichten die 13 Bigband-Bläser ihr von Themen und Riffs getragenes, von expressiven Solo-Improvisationen geschmücktes Klangbauwerk. Die Stücke stammen sämtlich von Toytoy, die Arrangements überwiegend von Geir Lysne, bis 2025 viele Jahre Leiter der NDR Bigband. Steffen Schorn, ausgewiesener Bigband-Spezialist und selbst einige Jahre im Saxofonsatz NDR-Angestellter, dirigiert das Ganze mit Verve und Präzision.
Das Miteinander tut beiden gut: Das Orchester erhält eine vitalisierende rhythmische Frischzelleninjektion, die hippen Beats eine ungewohnt üppige Ausschmückung. Die eine Seite zielt direkt auf die Motorik (ohne gleich primitiv zu sein), die andere auf differenzierte Klangkultur (ohne deshalb verkopft zu sein). Einzige Irritation: Die Trompeten kommen solistisch gar nicht zum Zug, die Impro-Spots teilen sich Saxofone und Posaunen. Vom Kopf zum Bauch ist es ja oft ein weiter Weg. Die NDR Bigband und Toytoy aber kennen offensichtlich ziemlich raffinierte Schleichwege.REINHOLD UNGER