Stimmgewaltig: Stefan Meo und Maria Natale in „Tosca“. © Foto: Mariella Weiss/Immling
Manchmal passt einfach alles. Wenn pünktlich zum Eröffnungstag der Himmel aufreißt und den malerischen Panoramablick ins Chiemgau freigibt, ist das auf Gut Immling eigentlich schon die halbe Miete. Und die Alphornbläser, die den Start der „Tosca“-Premiere ankündigen, nur noch das berühmte Tüpfelchen auf dem i. Doch auch drinnen auf der Bühne bleiben zum Start in die 30. Saison des Opernfestivals keine Wünsche offen.
Maria Natale und Vasyl Solodkyy hatten bereits 2025 in „Manon Lescaut“ das Immlinger Publikum begeistert und bilden nun erneut ein absolutes Puccini-Traumpaar. Natale bringt für die Titelpartie den nötigen Glamourfaktor und einen warm leuchtenden Sopran mit, der sich vom ersten Ton an sofort ins Ohr schmiegt. Wobei sie nicht nur über das dramatische Potenzial für die große Auseinandersetzung im zweiten Akt verfügt. Dank lyrischem Fundament gelingt es ihr ebenso die verletzlichen Seiten der eifersüchtigen Diva zu zeigen. Was die Bravour-Nummer „Vissi d’arte“ zur schonungslosen Selbstanklage werden lässt.
An ihrer Seite lässt der Ukrainer Solodkyy als Cavaradossi einen gleichermaßen geschmeidigen wie kraftvollen Tenor vernehmen. Dunkel grundiert, aber dennoch von beeindruckender Strahlkraft in der Höhe. Den schwärmerischen Liebhaber nimmt man ihm daher genauso ab wie den aufmüpfigen Revolutionär, der mit dem berühmten „E lucevan le stelle“ eine erschütternde Bilanz seines Lebens zieht.
Natürlich ist und bleibt „Tosca“ auch in Immling der große Verismo-Reißer. Doch dank solch nuancierter Rollenporträts werden die damit verbundenen Klischees in der klar fokussierten Inszenierung von Ludwig Baumann trotzdem immer wieder ausgehebelt und hinterfragt. Da wahrt selbst Stefano Meo als Scarpia lang seine autoritäre Fassade, ehe der brutale Sadist mit voller Wucht aus ihm herausbricht.
Baumann erzählt eine zeitlose Parabel über Macht und Machtmissbrauch, die auch nach mehr als 120 Jahren nichts an politischer Brisanz verloren hat. Durch geschickt eingesetzte Projektionen verwandelt Video-Designer Maximilian Ulrich dabei diesmal gleich die gesamte Reithalle in die römische Kirche Sant’Andrea della Valle und zieht das Publikum so unmittelbar hinein in diesen packenden Opern-Krimi. Von Routine keine Spur. Vor allem nicht im „Te Deum“, wo die Regie auf den hier oft üblichen Einzug durch den Mittelgang verzichtet. Stattdessen bleibt der Fokus ganz auf dem gotteslästernden Scarpia, während der im Saal verteilte Chor das Publikum gleich von vier Seiten her stimmgewaltig in die Zange nimmt.
Begleitet von dröhnenden Glockenschlägen und bedrohlichen Kanonensalven ist da Gänsehautstimmung garantiert. Aber dass Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock sich gerade auf Puccinis effektvolle Partituren bestens versteht, wissen Stammgäste des Festivals eh schon lange.TOBIAS HELL