In Neon-Grün: Szene aus „Die Präsidentinnen“.
Die Schauspielerinnen Myriam Schröder, Lisa Wagner und Katja Jung (v.li.) stecken in riesigen Fatsuits, darüber tragen sie hauchdünne Kleidchen. © Fotos: Hupfeld/Residenztheater
Rein hygienetechnisch kann man ja nicht meckern, wenn ein Fäkaldrama als große Seifenoper daherkommt, so wie jetzt am Residenztheater. Richtig appetitlich wird’s natürlich trotzdem nicht in Werner Schwabs Klofrauen-Klassiker „Die Präsidentinnen“. Schließlich führt uns Regisseurin Claudia Bauer in ein Wiener Blunzen-Barbieland, das so üppig-schmierig wirkt, dass man sich zwischendurch gern mal die Hände waschen möchte (in Unschuld natürlich). Das fängt beim Bühnenbild (Andreas Auerbach) an, einer Kreuzung aus Lourdes-Kitsch und Abort-Ästhetik. Zwischen Wänden mit billigem Mahagonifurnier-Imitat ragt da, umgeben von Lämpchen, ein riesiger Altar auf, in dem sich die eigentliche Spielfläche befindet: ein hellgrün gekachelter Unort mit Neonröhre, Werner-Schwab-Porträt und Leiter, die zu einem kleinen, blinkenden Marienbildchen ganz oben hinaufführt.
Aber auch das Outfit (Vanessa Rust) der drei Darstellerinnen ist ein ostentativer Griff ins Klo: Unter durchsichtigen Kleidchen in Blau, Gelb und Rosa sieht man ihre gigantischen Fatsuits, die gleich zu platzen drohen, speziell wenn der tragikomische Abend in veritables Damen-Wrestling ausufert. Zudem scheinen die Gesichter von Katja Jung, Myriam Schröder und Lisa Wagner durch hautenge Gummiüberzüge ins Ausdruckslose, Puppenhafte deformiert, indes seitlich eine Live-Band in Lederhosen die entsprechend schräge Musik dazu macht.
Gut 35 Jahre ist es jetzt her, dass dem österreichischen Dramatiker Werner Schwab (1958-1994) der Durchbruch gelang mit dieser bitterkomischen Verdauungs-Farce über drei ältere Frauen aus der Unterschicht, die sich treffen, um eine Papstmesse im Fernsehen anzuschauen und sich dann in ihre religiös-erotischen Wunschfantasien hineinsteigern. Eine von ihnen, „die Mariedl, die macht‘s auch ohne“: Ohne Gummihandschuhe nämlich greift die Klofrau immer ganz tief hinein und hinunter in die verstopften Toiletten, um sie freizuräumen. Damit er wieder seinen Gang gehen kann, der „Stuhlgang“, der hier in schauerlicher Ausführlichkeit beredet und breitgetreten wird von den drei frömmelnden Schreckschrauben. Mit ihrem durchfallartigen Redefluss greifen auch sie ganz tief hinunter in die verstopften Aborte ihrer beschissenen Existenzen, in Kloaken voller Alkoholismus, Armut und Kindesmissbrauch. Was in der monströsen Verkorkstheit dieser drei Gorgonen aus dem Gemeindebau zutage kommt, ist aber nur die Monstrosität der Verhältnisse, die solche Figuren hervorbringt – gespiegelt in der unverwechselbaren Schwab-Sprache, deren Verrenktheit das ganze verrenkte Dasein ihrer Sprecher offenbart, etwa in Sätzen wie: „Die Menschen müssen halt immer eine Nächstenliebe am Laufen halten“.
Obwohl die Inszenierung auf den ersten Blick nur als handwerklich perfektes, vielleicht sogar etwas zu perfektes Staatstheater im Edel-Trash-Modus erscheint, gelingt ihr unversehens das Wunder, gerade in der scheinbaren Würdelosigkeit der drei alten Schachteln so etwas wie ihre unverlierbare menschliche Würde aufleuchten zu lassen. Das gibt dem Abend dann fast schon eine wirklich religiöse Dimension. Langer, begeisterter Beifall.
Weitere Aufführungen am 17. Juni sowie am 8. und 13. Juli.ALEXANDER ALTMANN