Dirigent Jakub Hrůša.
Konzertprogramme müssen keine Geschichte erzählen. Wenn sie es aber offensichtlich versuchen, sollte man sie erkennen. Bei Jakub Hrůša und den Münchner Philharmonikern bleibt der Zusammenhang rätselhaft. Mahler, Strauss, Martinů, Borodin: Das klingt nach Liebe, Abschied und Verlust. In der Isarphilharmonie wirkt es eher wie ein Parcours mit langen Umbaupausen. Musiziert wird dieser Parcours freilich überzeugend.
Mahlers Adagietto ist der erste Prüfstein. Als Liebesgruß an Alma geschrieben, durch Viscontis „Tod in Venedig“ zur Chiffre des Weltschmerzes geworden, hält Hrůša es auf Abstand. Die Philharmoniker spielen transparent, ohne falsche Süße. Doch der Satz bleibt zwischen den Deutungen stehen: nicht sentimental, aber auch nicht wirklich zart; schön geordnet, aber wenig betörend.
Besser trägt Strauss. In den „Vier letzten Liedern“ findet Hrůša mit dem Orchester leuchtende Farben, die nie auf bloßen Glanz poliert sind. Corinne Winters singt mit warmem Sopran, der sich in der Mittellage nicht immer ganz frei öffnet. Ihr Legato legt die Amerikanerin bisweilen so breit an, dass Konsonanten verloren gehen und manches dickflüssig gerät – besonders in „Beim Schlafengehen“, wo auch das große Violinsolo mehr in Üppigkeit als Entrückung aufgeht. Nach der Pause müsste Martinůs „Feldmesse“ den Abend zusammenziehen. 1939 geschrieben steht das Stück historisch schwer im Raum. Hrůša arbeitet die ungewöhnliche Besetzung ohne Streicher scharf heraus. Jiří Brückler führt seinen Bariton beweglich und textnah. Der Philharmonische Chor München klingt schlank, präzise, fast delikat – kein dumpfer Männerchor-Ton. Die tschechische Textmasse bleibt dabei allerdings bisweilen eher Klangfläche als Mitteilung. Die „Polowetzer Tänze“ sind schließlich der dankbarste Teil des Abends. Hrůša macht daraus Orchesterzirkus im besten Sinne: Der Beginn flirrt, die Farben sitzen, die Steigerungen haben Zug. Auch vor Lautstärke gibt es keine falsche Scheu – ohne aus der Isarphilharmonie ein Stahlbad zu machen.
Wo das Programm Bedeutung sucht, bleibt es lose. Wo Hrůša einfach Musik machen lässt, wird es ein starker Abend.WP