Die Erste ihrer Art

von Redaktion

Heute vor 50 Jahren debütierte Dagmar Berghoff in der ARD-„Tagesschau“

„Ich bin immer noch nachrichtensüchtig“, sagt Dagmar Berghoff. Die 83-Jährige schaut immer noch täglich die „Tagesschau“ und liest mehrere Zeitungen. © Marcus Brandt

Als Dagmar Berghoff am 16. Juni 1976 ihre erste Pressekonferenz gab, war das Medieninteresse riesig. Der Grund: Wenige Stunden später sprach die gelernte Schauspielerin, Moderatorin und Sprecherin als erste Frau in der Geschichte der ARD-„Tagesschau“ die Nachrichten. „Man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber damals war das ein absolutes, wirklich meldewürdiges Ereignis“, sagt die heute 83-Jährige. Ihre markant rauchige Stimme wurde schnell zu ihrem Markenzeichen.

An ihre erste Meldung erinnert sie sich noch genau: Ein US-Diplomat war im Libanon entführt worden. Bereits vier Tage nach ihrem Nachmittagsdebüt durfte die damals 33-Jährige die Hauptausgabe um 20 Uhr präsentieren. „Das war ungewöhnlich“, erzählt Berghoff. Neue Sprecher hätten sich normalerweise zwei Jahre lang in anderen Ausgaben bewähren müssen. „Aber da ich die erste Frau war, konnte man mich nicht so lange in der Versenkung verschwinden lassen.“

Das Publikum gewöhnte sich schnell an die Frau in der Männerdomäne. Die kompetente und sympathische Berghoff wurde für Millionen Zuschauer zur „Miss Tagesschau“. Mehr als zwei Jahrzehnte blieb sie das Gesicht der Nachrichtensendung, bis sie sich Ende 1999 verabschiedete. Heute sagt Marcus Bornheim, Chefredakteur von ARD-aktuell: „Dagmar Berghoff ist ein wichtiger Teil der ,Tagesschau‘-Geschichte. Ohne sie wäre unser Erfolg nicht denkbar.“

Entdeckt wurde sie von Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke, obwohl dieser zunächst keine Frauen vor der Kamera wollte. „Er fand, dass Frauen einfach nicht Nachrichten lesen könnten. Sie seien zu gefühlsbetont, verstünden von Politik nichts und von Wirtschaft schon gar nichts“, erzählt Berghoff schmunzelnd. Doch der Druck auf den NDR wuchs – schließlich hatte das ZDF mit Wibke Bruhns bereits eine Nachrichtensprecherin etabliert.

Berghoff, 1943 in Berlin geboren, studierte Schauspiel in Hamburg und arbeitete zunächst als Sprecherin beim SWF in Baden-Baden. Später moderierte sie beim NDR die Radiosendung „NDR2 von 9 bis halb eins“. Beim Vorsprechen für die „Tagesschau“ imponierte sie Köpcke mit Selbstbewusstsein: Nachdem sie sich über dessen stark markiertes Manuskript geärgert hatte, erklärte sie ihm, sie wolle künftig mit eigenen Texten arbeiten.

Als Feministin verstand sie sich nie. „Ich wollte einfach einen guten Job machen“, sagt Berghoff. Zwar habe sie viele Forderungen der Emanzipationsbewegung unterstützt, politisch sei sie damals aber nicht besonders engagiert gewesen. Erst später sei ihr bewusst geworden, welche symbolische Bedeutung ihre Rolle hatte.

Bis heute bezeichnet sich die ehemalige Chefsprecherin (1995 bis 1999) als „nachrichtensüchtig“. Sie schaut regelmäßig die „Tagesschau“, hört Radio und liest Tageszeitungen. Gemeinsam mit dem ehemaligen „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber veröffentlichte sie 2022 das Buch „Guten Abend, meine Damen und Herren“. Die klassische Rolle des Nachrichtensprechers sieht Berghoff inzwischen vor dem Aus: „Den Beruf des ,Tagesschau‘-Sprechers wird es in Zukunft nicht mehr geben“, sagt sie. Künftig würden Journalisten als Moderatoren auftreten – in einer Medienwelt, die von Bildern, Tempo und veränderten Sehgewohnheiten geprägt ist.

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