Musikalisches im Märchenschloss: Konzerte auf Neuschwanstein. © M. Hertrich
Früher musizierten sie im Sängersaal. Heute finden die Konzerte im Schlosshof statt. Wer pro Sitzplatz mindestens 114 Euro zahlen kann, hat auch in diesem Jahr Gelegenheit, vor großer Kulisse Musik zu hören. Schon von 1970 bis 2015 gab es in Neuschwanstein Klassikkonzerte. Dann wurde restauriert, die Pandemie tat ihr Übriges. Erst 2024 hat die Konzertgesellschaft Neuschwanstein die Musik vor Ort wiederbelebt.
Sicher auch als Werbemaßnahme für die kommende Spielzeit startet nun ein Dokumentarfilm im Kino. Andreas Morells „Der Klang von Neuschwanstein“ verbindet Historisches über den Märchenkönig Ludwig II. mit einem winzigen Einblick in Teile der Operngeschichte. Dass neben vielen Infos immer ein wenig Kitsch mitschwingt, passt zumindest partiell zu den Fantasien Ludwigs II.
Der berühmte Monarch, sein bekanntestes Schloss und seine Lebensgeschichte bilden die Basis des Films. Die Musik wäre damit so etwas wie der Überbau. Philosoph Karl Marx ordnet letzterem auch die Ideologie zu. Und das passt. Denn rund um das Schloss, den Monarchen und dessen Lieblingskomponisten Richard Wagner entfaltet sich ein ganzer Kosmos an Überzeugungen und Theorien, Träumereien und Fantasien. Vieles davon ist bekannt, einiges ist Unsinn. Manches aber dürfte auch Kenner noch verblüffen.
Dabei gehen die Macher didaktisch vor. Mithilfe der Ludwig-Geschichte, von vielen Experten fachkundig erzählt, wollen sie bisher Unbedarfte zur Musik führen – und zum Ticketkauf. Doch abgesehen vom Kommerz: Wer sich auf das Spiel einlässt, hat Spaß an dem musikalischen Mischmasch, wenn auch manchmal mit etwas Magengrimmen. Denn wo zum Beispiel Wagner ist, lauert mitunter auch antisemitische Ideologie. Tenor Klaus Florian Vogt intoniert „Fanget an! So rief der Lenz in den Wald“ aus den Meistersingern. Da es um Ludwig und vor allem das Märchenschloss geht, bleibt keine Zeit, dieses durchaus eindrucksvolle, aufrüttelnde Preislied zu kontextualisieren. Vom künstlerischen und historischen Hintergrund der gesamten Musik erfahren wir nur kleinere Schnipsel, etwa dass Wagner starken Einfluss auf heutige Filmscores hat. Chelsea Zurflüh mit „Strider sento la procella“ aus der Mozart-Oper „Lucio Silla“ bleibt quasi komplett kontextlos auf der Bühne. Wer ist sie? Was singt sie? Dasselbe geschieht mit den Ludwig-Experten. Vorstellen dürfen sie sich nicht.
Dafür steht die Musik so stark im Zentrum, dass sie in voller Breite wirken darf und nicht zum puren Werbe-Medley verkommt. Einzig der Cellist Hauser hebt sich ab. Mit einer seifigen Interpretation von Lucio Dallas „Caruso“ schlägt er die Brücke zum Komplett-Kitsch, aber immerhin auch zu einem Publikum, das ohne seine Teilnahme wohl nie Schnipsel aus „Fidelio“, „Le Cid“ oder „La Bohème“ hören würde. Und noch etwas: Zu den wichtigsten Bildern passt sein „dolcissimo“ perfekt. Neuschwanstein im Abendrot, Neuschwanstein im Lichterglanz, Neuschwanstein in romantischem Blau. Hach!KATRIN HILDEBRAND