Kuscheltiere in der Krise

von Redaktion

Elfriede Jelinek legt neues Werk vor – Uraufführung in Salzburg

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat die Apokalypse im Visier. © Rowohlt

Ein neues Jelinek-Buch – und gleich von den Salzburger Festspielen zur Uraufführung gebucht (16. August, als Koproduktion mit dem Burgtheater Wien). Den Regisseur Nicolas Stemann, der des Öfteren Werke der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin auf die Bühne gebracht hat, muss man nach der Lektüre mutig nennen. „Unter Tieren“ täuscht mit seinen flauschigen Spielzeug-Viecherln auf dem Einband Nettigkeit vor. Aber wer Elfriede Jelinek kennt, weiß, dass sie eher auf einen Friedhof der Kuscheltiere zusteuern wird. Letztlich stellt sich heraus, dass die Künstlerin, die im Oktober 80 Jahre alt wird, noch Schlimmeres im Blick hat: die Apokalypse.

Auf den gut 200 Seiten Text, der wie von ihr gewohnt weder der Form eines Dramas noch eines Romans entspricht, sticht Jelinek möglichst viele Geschwüre des Kapitalismus auf. Insbesondere die des Finanzsektors. Von Tauben über den Affen, das Schwein, den Hasen, die Kuh, sogar den Wombat und den – Obacht, Kalauer-Alarm! – Bärenklau (biologisch doch eine Pflanze) bis hin zum Hundekadaver Petya, der Tschernobyl nicht überlebt hat, sprechen viele Tiere über das seltsam ungreifbare und unangreifbare Menschen-System aus Phänomenen wie Geld, Bank, Kredit, Investment, Steuer(-vermeidungstrick), Kryptowährung, auch über herrenlose Konten, Verluste, Luftbuchungen oder Parteispenden.

Da raucht einem der Kopf, und man versteht nur einen Bruchteil. Elfriede Jelinek überschwemmt uns mit dem Vokabular wie ein mieser Anlageberater den Spar-Normalo. Unsere Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein soll uns bewusst werden, gleichzeitig unsere Gier nach mühelosem, angeblich risikolosem Gewinn. Die Tiere porträtieren wie in alten Fabeln bis zu einem gewissen Grad uns. Daneben gibt es andere, die das reine Tier-Sein verkörpern. Für sie ist die Homo-sapiens-Fantasmagorie namens Geld irrelevant, weil man es nicht fressen kann. Ihr Kontakt mit dem Kapitalismus bedeutet, als Nutztier ausgebeutet und geschlachtet oder als Wildtier vertrieben zu werden.

Die Schriftstellerin zerrt mit harten Bandagen aus realistischen Szenen im Schlachthaus oder aus philosophischen Verwirr-Denkschleifen über Seiendes, Schöpfung (des Geldes), Geldtheorien an unseren Nerven. Die reißen nur deswegen nicht, weil Elfriede Jelinek einerseits immer Leute wie Benko und Co. sowie unser Wissen, dass da für unser Alltagsleben Wichtiges verhandelt wird, im Spiel hält; und andererseits mit ihrer Liebe zum unverschämt lockeren Plauderton, zum Kalauern und Wörter-Jonglieren meist unterhaltsam bleibt. Selbst ihre charmante Danksagung am Ende bestätigt das: „Ja, und dann natürlich noch der kreischende, heulende Engelssturz aus zahllosen Zeitungen und Zeitschriften und natürlich mein lieber Wiki. Ich werde ihm heute noch was überweisen als Dankeschön.“SIMONE DATTENBERGER

Elfriede Jelinek:

„Unter Tieren“. Rowohlt Verlag, Hamburg, 217 S., 24 Euro. Uraufführung der Theaterversion bei den Salzburger Festspielen am 16. August; Karten unter www.salzburgerfestspiele.at/karten/programm.

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