Schöner sterben mit Sir Simon

von Redaktion

Elgars Oratorium „The Dream of Gerontius“ begeistert im Herkulessaal

Der schottische Sänger Nicky Spence überzeugt unter der Leitung von Sir Simon Rattle. © BRSO

Für Aloisius, den „Münchner im Himmel“, wäre Edward Elgars „The Dream of Gerontius“ vermutlich die Hölle gewesen: gute anderthalb Stunden Sterben, Beten, Fegefeuer, Frohlocken – und kein einziges Bier im stickig-schwülen Herkulessaal. Elgars Oratorium nach dem Text des später heiliggesprochenen John Henry Kardinal Newman ist in England Kernrepertoire.

In Deutschland bleibt es ein seltener Gast, obschon es in München kürzlich erst mit den Philharmonikern zu erleben war; das BRSO spielt es zum ersten Mal.

Aus dem Sterben und Nachleben eines alten Mannes macht Sir Simon Rattle keinen frommen Bilderbogen, sondern einen großen musikalischen Sog. Wo andere Orchester in Klangfülle baden, behält das BRSO freilich Übersicht. Diese Mischung aus Klarheit, Delikatesse und Durchhörbarkeit bekommt Elgars britischer Spätromantik glänzend.

Im Vorspiel steigen die Motive wie aus dem Halbdunkel auf. Rattle zieht die Partitur weit aus, fast ohne Atemloch. Das hat Größe, drückt an diesem heißen Abend aber auch. Nicht jede Passage trägt die Bedeutungsschwere, die ihr zugemutet wird; im zweiten Teil wird der Sog bisweilen zum Überdruck. Überragend der Chor des Bayerischen Rundfunks: wach, subtil, in den großen Ausbrüchen nie bloß Masse.

Nicky Spence gibt Gerontius höchst beeindruckend mit stählerner Höhe, Innigkeit und vorbildlicher Textverständlichkeit. Alice Coote ist kein ätherisches Engelsmädchen, sondern ein Engel mit Wärme, Autorität und Lebenswissen. Lester Lynch setzt mit prophetischem Bariton machtvolle Akzente.

Die Dezibel-Kapazitäten des Herkulessaals werden an diesem Abend hart attackiert. Die Orgel am Ende des ersten Teils und die tragende Akustik geben freilich Elgars Musik jene kathedralartige Verdichtung, die sie braucht. So wird aus englischer Jenseitsschwere ein großer Münchner Konzertabend. Luja sog i!WILLI PATZELT

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