Mädchenhafte Anmut und schmerzliche Fraulichkeit: die ukrainische Sopranistin Inna Fedorii als Lucia. © Mariella Weiss
Draußen kocht die Hitze, drinnen in der Reithalle von Immling kochen die Gefühle: Lucia di Lammermoor wird zwischen männlichen Machtspielen zerrieben, darf den nicht heiraten, den sie liebt, ermordet den erzwungenen Bräutigam, taumelt in den Wahnsinn, worauf sich ihr Geliebter ebenfalls umbringt: Liebe und Männermacht, Grausamkeit und Wahnsinn. Was Gaetano Donizetti in vor Lebendigkeit bebende Musik gebracht hat, die sich eigentlich selbst erzählt, muss die Regie in Bilder bringen: keine leichte Aufgabe. Ella Marchment hat sie recht stringent gelöst. Zur Ouvertüre toben in einer Videoeinspielung weiß gekleidete Knaben auf einer Wiese und spritzen sich dann ausgelassen mit Blut aus einer Badewanne voll: Es wird ein Fest des Blutes werden.
Statt Ruinenromantik schieben und drehen sich aschgraue, mit Türen versehene Wände auf der Bühne (Philomena Strack): Reduzierung auf das Wesentliche. Auf Donner, Blitz und Trockeneis will die Regisseurin dann aber doch nicht in der Szene im Turm von Ravenswood verzichten. Auf beidseitigen Treppen und einer großen Empore kann sich der große und stimmstarke Chor ausbreiten und immer das Geschehen beobachten: Die Gesellschaft ist immer und überall da.
Dass es blutig werden wird, zeigen schon die Kostüme (Sascha Thomsen): Jeder hat etwas Rotes an seiner Kleidung, Raimondo trägt eine lange rote Robe und wirkt mit gesträubtem Haar und dunkler Brille wie der blinde Seher Teiresias. Enrico droht mit seinem roten Gürtel gar seiner Schwester Schläge an, damit sie Arturo heiratet. Zur Hochzeit trägt sie folgerichtig eine rote Perücke, ihr Bräutigam Arturo ist gar ganz in Rot gekleidet: Blut, Blut, überall Blut. Selbst die Liebe wird blutig enden.
Aber das Wesentliche ereignet sich doch in und mit der Musik. Der junge Dirigent Sergi Roca Bru strahlt große Sicherheit aus, lässt den Sängern immer den Vortritt, gibt ihnen viel Raum und befeuert das Orchester nur, wenn es dramatisch brodelt. Enricos recht aufgehellter und nach innen gekehrter Bariton (Alexey Bogdanchikov) lässt das Brutale an ihm etwas vermissen, in der Höhe wird die Stimme aber stählern, und er singt sich immer mehr frei. Matteo D’Apolito ist als Raimondo mit seinem prophetisch wuchtigen Bass eine imposante Erscheinung, als Arturo lässt Gunnar Björn Jónnson seinen lyrischen Tenor schön fließen. Lucias Geliebter Edgardo trägt als Einziger nichts Rotes: Carlo Raffaelli prunkt mit einem unverstellt offenen und durchschlagskräftigen Tenor samt einer Prise Tränenschmalz.
Alles aber wartet auf die Lucia: Die ukrainische Sopranistin Inna Fedorii gewinnt mit ihrer frei schwingenden klaren, farbenreichen und natürlich timbrierten Stimme sofort die Gunst der Zuhörer. In ihrer Stimme ist sowohl mädchenhafte Anmut als auch schmerzliche Fraulichkeit.
Verschwenderisch streut sie ihre liebesglühenden und mühelos erreichten Spitzentöne aus, glasklar sind ihre Koloraturen, kontrolliert ihre Ausbrüche, beseelt ihre kostbaren Piani. In der Wahnsinns-Arie (mit Glasharmonika!) lebt sie jede seelische Nuance aus. Zur roten Perücke trägt sie da eine silbern glitzernde Robe, es umfunkeln sie Sterne, irgendwann reißt sie sich die rote Perücke ab: Wenn sie sich in den Wahnsinn singt, entrückt sie sich dem blutigen Männermachtkampf.
In einem Video wäscht sie sich das Blut von den Händen und taucht dann in das Blut der Wanne aus dem Vorspiel. Als auch Edgardo sich umbringt, erscheint sie noch einmal in blütenweißem Gewand und weißer Perücke wie eine Erscheinung der Immaculata: die unbefleckte Mörderin. Mit einer Art Segensgeste heilt sie alles: Die liebende und aus Liebe mordende Frau ist zu einer Art Heiligen geworden – aber erst im Tode.RAINER W. JANKA
Weitere Vorstellungen
am 28.6. sowie am 11., 24. und 31. Juli, Informationen und Tickets unter www.immling.de.