Romantisch und pessimistisch: Michael Krüger nimmt „das Leben an den richtigen Stellen tragisch“. © IMAGO/Christoph Hardt
„Mittwoch, 26. Januar 2022 – Wenn ich (wie jetzt 8 Uhr 46) aus meinem Fenster schaue ….“, ja, was sieht Michael Krüger da? Bäume, die Göttern gleichen, vom letzten Jahr liegengebliebenes Laub, das ein ungemachtes Bett sein könnte. Aber: „Ich habe wenig Lust, jetzt noch von mir zu sprechen, eigentlich ist alles gesagt.“
Das ist es natürlich nicht. Das Herz geht ihm über bei seinen romantisch-philosophischen, mitunter pessimistisch-ironischen Betrachtungen des Dreiklangs Natur – Mensch – Weltpolitik, bei seinen Beobachtungen der Kleintiergesellschaft der Ameisen und Vögel, der Majestät der Ulmen, Linden und des Ahorns. Störend hinein in diese himmlische Ordnung grätscht der Mensch. „Wir, des Weltalls Inbegriff, gehen auf in Flammen.“
Die Furcht vor dem Wiederaufflackern des großen Krieges lässt dem 1943 geborenen „Kriegskind“ Michael Krüger keine Ruhe: „Gott ist 1941 zurückgetreten, das ist die unsichtbare Schlagzeile, die immer mitläuft. Den Platz will einer besetzen im blauen Anzug und Krawatte, gesegnet von einem waschechten Patriarchen mit sauberen Händen, der viel Blut braucht, um die Kelche des Imperiums zu füllen.“
„Die Wiedereinführung der Sanduhr“, so heißt Michael Krügers neuer Gedichtband, der Texte der vergangenen Jahre enthält. Der Titel bezieht sich auf das „Sechste Gedicht“, in dem der leicht gestörte Leopardi die Vorzüge des altertümlichen Zeitmessgeräts preist.
„Man muss das Leben an den richtigen Stellen tragisch nehmen, dann kommen die Reime zurück wie von selbst.“ Gedichte, wenn man sie denn alle so nennen will, über das Leben auf dem Land, über den Tod enger Freunde und die wieder aufflammende „Lust an der tödlichen Auseinandersetzung im großen Stil“ sind von tiefer Beunruhigung. Im Widerstreit dazu: die gepriesene, herrliche Natur in Krügers Umfeld des Starnberger Sees. Glück und Tragik, die Dialektik des Alters.
Da sitzt er nun im Dezember in einer der vier Ecken des „Nebelraums, den ihm die Natur vorgaukelt, und schlägt, als Mann mit der Hasenklapper, die traurige Musik dazu“. Das könnte das Paradies sein – mythologische Wesen in drei Winkeln, im vierten der Dichter, der den Takt vorgibt. Poetisch, politisch und immer sehr persönlich. Die verstärkte Andacht der Natur, der Bäume, Wiesen und Tiere im dörflichen Umkreis – „Ich bin ein launenhafter Dilettant“ – vermengt Krüger mit Liebeserklärungen an große Dichter wie den verstorbenen Adam Zagajewski. Durch dessen Gedichte könne man verstehen, „warum dieses Jahrhundert entgleist war und warum auch das einundzwanzigste nicht wieder in die Gleise kommt, nie mehr“. Verhält es sich tatsächlich so mit der Wahrheit, dass sie sich ausruht oder vielleicht doch schläft? Es könnte stimmen, wenn man in Krügers Wundertexten über den Typ von Menschen nachliest, der sich immer mehr ausbreitet: Moralapostel, deren Gesicht so aussieht „wie ein Kykladenidol, ein leeres Gesicht mit der Andeutung einer Nase, die Arme verschränkt, damit die nicht Gefahr laufen, helfend eingreifen zu müssen“. Was fehlt, schreibt Krüger, sind die freundlichen Worte, weil „die Bücher, die sie enthalten, beschlossen haben, nur noch sich selbst zu lesen. Wir, die käuflichen Menschen, hinterlassen in der Zeit, die wir haben, eine Spur des Abfalls, die wir, mit gemischten Gefühlen, Schönheit nennen.“
Dieses Buch: ein Kleinod der Poesie, eine literarische Kostbarkeit, zutiefst bewegend.SABINE DULTZ
Michael Krüger:
„Die Wiedereinführung der
Sanduhr“. Suhrkamp Verlag,
160 Seiten; 16,99 Euro.