War ihrer Zeit weit voraus: Ingeborg Bachmann. © dpa
Kinostar Sandra Hüller in „Jemand, der einmal ich war“ – sie spielt nicht Ingeborg Bachmann, sie fühlt sich ein. © Elliott Kreyenberg
Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann an diesem Donnerstag richtet sich der Blick auf Leben und Werk der großen österreichischen Schriftstellerin. Neben einer neuen Biografie (Artikel auf Seite 37) nähert sich auch Regina Schillings Dokumentarfilm „Jemand, der einmal ich war“, der morgen in den Kinos startet, der Autorin. Zu sehen ist darin Sandra Hüller. Wir sprachen mit der Regisseurin.
Was verbindet Sie und Sandra Hüller mit Ingeborg Bachmann?
Sandra Hüller, mich und viele andere Frauen verbindet sicher mit ihr, dass wir durch sie einen neuen Blick auf die Welt bekommen haben. Ich bin mit einem männlichen Literaturkanon aufgewachsen, und als ich etwa 17 Jahre alt war, ist Bachmann dazwischengeraten. Da habe ich verstanden, dass es auch noch eine andere Perspektive gibt, mit der man auf Frauen und auch auf Männer schauen kann. Das ist Sandra Hüller vielleicht ähnlich gegangen.
Nun ist es in Ihrem Film ja nicht so, dass Hüller Bachmann tatsächlich spielt.
Nein. Ich wollte transparent machen, wie grundsätzlich schwierig ich es finde zu glauben, man könnte in eine historische Figur hineinschlüpfen.
Sie haben Hüller in eine Bachmann-Wohnung im Siebzigerjahre-Stil gesetzt, aber nach einer Panikattacke beruhigt sie sich mit einer App auf dem Smartphone. War das ein Experiment, Bachmann ins 21. Jahrhundert zu holen?
Genau. Manchmal haben wir es Versuchsanordnung genannt, manchmal Séance – ich wollte zeigen, wie es hätte sein können, wenn sie heute gelebt hätte. Heutzutage weiß man besser, wie man mit bestimmten Zuständen umgehen kann. Damals kam Bachmann mit Angstzuständen ins Krankenhaus und die Ärzte wussten erst einmal überhaupt nichts.
War die Angst das bestimmende Thema in Bachmanns Leben?
In ihrem Leben und damit auch in ihrer Literatur. Im Film erkläre ich das mit den Erlebnissen im Krieg, als sie allein in Klagenfurt zurückgeblieben war. Der Vater war an der Front, die Mutter mit den kleineren Kindern auf dem Land. Die Bombenangriffe haben sie traumatisiert. Sie beschäftigte sich später mit ihrer Angst, wälzte wissenschaftliche Bücher und fragte sich: Was ist mit mir los? Warum habe ich diese Panik?
Ihr Film beleuchtet auch Bachmanns Position in einem männlich dominierten Literaturbetrieb. Sie zitieren zutiefst sexistische Äußerungen von Kritikern wie Marcel Reich-Ranicki. Man hat Bachmann damals als Ausnahme herausgestellt: eine Frau, die schreiben kann.
Aber nur solange sie eine bestimmte Rolle spielte: Als hilfloses Wesen, das sich den Männern anvertraut und Lyrik schreibt, war sie die Göttin. Und in dem Moment, in dem sie sich dem verweigerte und Prosa schrieb, kamen die Literaturkritiker mit ihr nicht mehr klar.
Im Archivmaterial reagiert Bachmann auf sexistische Äußerungen manchmal einfach mit einem entwaffnenden Lachen.
Sie hat eine beeindruckende Entwicklung hingelegt. In den früheren Aufnahmen spricht sie leiser, schüchterner, da war der Mechanismus, den Männern gefallen zu wollen, noch voll da. Später hat sie vermutlich eine Schwelle überschritten hin zu: „Ich muss nicht mehr gefallen.“
Sie haben von einer Séance gesprochen. Ist Ihnen diese Geisterbeschwörung gelungen?
Wir haben beim Dreh zumindest oft gesagt, Ingeborg sei einverstanden, weil uns so viel geglückt ist. Wichtig war mir, dass wir nicht behaupten, so sei es gewesen, sondern, dass der Film eine Möglichkeit anbietet: So könnte es gewesen sein.