München im Beatles-Fieber

von Redaktion

1966 spielten die Pilzköpfe im Circus Krone – Zeitzeugen erinnern sich

Hello Munich! Die Beatles 1966 auf der Bühne des Circus Krone, fotografiert von Ulrich Handl (li.). Die Abzüge seiner Fotos hält er immer noch in Ehren. Unten sieht man John, Paul, George und Ringo bei der Ankunft in Riem (li.) und am Fenster des Bayerischen Hofs, während auf dem Dach des Hotels junge Fans ihren Idolen nah sein wollen. © Ulrich Handl, Marcus Schlaf, Imago, Bayerischer Hof

„Wir wollen keine Saalschlacht!“, warnen die Zeitungen im Vorfeld. Die Münchner Behörden sind nervös, denn ein Dreivierteljahr zuvor haben Fans der Rolling Stones die Berliner Waldbühne zu Kleinholz verarbeitet. Das soll am 24. Juni 1966 nicht passieren, wenn die Beatles im Rahmen der „Bravo Blitztournee“ im Circus Krone auftreten. Die Polizei schickt also einen Trupp Beamte, um zu viel Begeisterung vorzubeugen. Auffällig unauffällig in Zivil, mit Schlips und weißem Hemd. „Sie standen um die Bühne herum, manche hatten Watte in den Ohren“, erinnert sich Ulrich Handl. „Sie waren aber freundlich, auch zu uns Fotografen.“

Handl (79), weiße Haarmähne und glasklare blaue Augen, sitzt in seiner Wohnung am Westpark und strahlt. „Seltsam, dass ich mich auch nach 60 Jahren noch an alles erinnere.“ Aber er gibt zu: „Meine Fotos sind schon hilfreich, als Verbindung zur Vergangenheit.“

Dem jungen Ulli ist selbstverständlich nicht bewusst, dass er ein wichtiger Chronist der Zeitgeschichte ist, auf Tuchfühlung mit der Popkultur. Als Teenager ist er vor allem am Nachtleben interessiert. Weil er in Münchner Clubs wie dem „PN Hit-house“ oder dem „Big Apple“ keinen Eintritt zahlen will, nimmt der Werbekaufmann-Lehrling einfach seine Kamera mit. „Einen Presseausweis habe ich nie besessen.“ Er wird so etwas wie der Hausfotograf der Clubs – im „Big Apple“ schießt er 1966 Fotos von Jimi Hendrix, da hat der Gitarren-Magier noch keine Platte veröffentlicht.

Bei den Beatles gestaltet sich die Sache freilich schwieriger. „Ich hatte für ihre Pressekonferenz keine Karte bekommen“, erinnert sich Handl. Der Zeitplan an diesem heißen Juni-Freitag ist eh straff: Um 12.40 Uhr landet die Maschine der British European Airways aus London mit den Fab Four an Bord am Flughafen Riem. Ringo Starr steigt stilecht mit Edelweiß am Filzhut aus dem Flieger. Anschließend fahren die Beatles in weißen Mercedes-Limousinen zum Hotel Bayerischer Hof, wo sie übernachten werden und die Pressekonferenz geben. Um 17.15 und um 21 Uhr spielen die Pilzköpfe zwei Shows im Krone.

Am Promenadeplatz warten Heerscharen Jugendlicher – und rasten aus, als die Beatles am Fenster erscheinen und Autogramme werfen. „Dann waren die vier wieder weg“, sagt Handl, der sich auch aus dem Staub macht. „Ich wollte rechtzeitig zum ersten Soundcheck in der Halle sein.“ Natürlich: ohne Karte und Ausweis. „Aber die im Circus Krone kannten mich, die Ordner haben mich durchgewunken.“ Handl entdeckt die Band Rattles um ihren Sänger Achim Reichel, die im Vorprogramm spielt. „Wir sind ins Gespräch gekommen.“ Während die Beatles ihre Garderoben im ersten Stock des hinteren Anbaus beziehen, liegt die der Rattles gleich hinter dem Bühneneingang unter den Tribünen. „Sie diente mir als Ausgangsbasis – von Ordnern bin ich nicht mehr behelligt worden.“

Und gibt’s denn nun eine Saalschlacht? Wie wir wissen: natürlich nicht. Aber an eines erinnern sich alle, die dabei waren: Es ist ohrenbetäubend laut. Hans Staar, langjähriger Sportredakteur des „Tölzer Kurier“, berichtet, wie aufgeregt er war, seine Lieblingsband zu sehen. „Dann war’s offen gesagt ein ziemlicher Reinfall. Ich habe vor lauter Kreischen von der Musik keinen Ton gehört.“ Die legendäre Wirtin des Alten Simpl, Toni Netzle, erzählte einmal, dass sie mit ihren zwei Kindern zu dem Konzert kam: „Meine Tochter war elf und ein Beatles-Narr. Als die Beatles anfingen, schrien, glaube ich, 2000 Kinder. Ich hab’ zu meiner Tochter gesagt: ,Warum schreien denn alle? Man hört ja nichts.‘ Darauf meine Tochter: ,Wir müssen nichts hören. Wir kennen das ja alle.‘“

Den besten Blick hat Ulrich Handl backstage: „Sie kamen die Treppe herunter und stürmten mit den Gitarren in der Hand an mir vorbei zum Bühnenvorhang.“ Ihr Manager Brian Epstein öffnet ihn für sie, und die vier beginnen mit Chuck Berrys „Rock‘n‘Roll Music“. „Mir lief der eiskalte Schauer über den Rücken.“ Nach elf Songs und einer knappen halben Stunde ist Schluss, der Saal wird geräumt, vor dem Circus wartet schon der nächste Schwung Fans. Handl fotografiert auch das zweite Konzert. „Der Publikumslärm war nicht mehr ganz so laut – es scheinen auch mehr Erwachsene da gewesen zu sein.“

Nachdem sie München glücklich gemacht haben, fahren die Beatles am Samstag weiter nach Essen – im Sonderzug der Bundesbahn, mit den Salonwagen, in denen Queen Elizabeth II. ein Jahr zuvor Deutschland besuchte. Chronist Handl hat da bereits Abzüge von seinen Bildern gemacht – er ist erholt wie selten. „Ich weiß noch: Nach dem Konzert bin ich mit dem Radl heimgefahren, ins Bett gefallen und hab wunderbar geschlafen.“ Woran man sich so alles erinnert mit der Hilfe von ein paar alten Fotos …JOHANNES LÖHR

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