Andrea Stoll legt eine neue spannende Biografie über Bachmann vor. © privat/piper Verlag
Ingeborg Bachmann – Dichterin, Medienstar, Ikone der modernen deutschsprachigen Literatur, sensibel und doch durchsetzungsstark. In solche Schubladen wird die Schriftstellerin gern verräumt, die am 25. Juni 1926 im Klagenfurter Landeskrankenhaus geboren wurde und 1973 in Rom starb. Zum 100. Geburtstag der Autorin hat Andrea Stoll nun eine Biografie vorgelegt, die nicht nur spannend zu lesen ist. Obendrein zeichnet „Zwei Menschen sind in mir“ ein detailliertes Bild der Literaturszene nach 1945 mit ihren hässlichen Rückgriffen auf die Nazi-Zeit und ihrem patriarchalen Gegockel.
Stoll, die 1991 mit einer Studie über Bachmann promoviert wurde und hier ihre Biografie von 2013 erweitert, stützt sich auf genaue Lektüre, auf Zeitzeugen und Angehörige (mit denen sie damals sprach), auf Briefe und Tagebücher. Dabei gelingt es ihr, Gegensätze und Gleichklänge im Leben und Schreiben der Österreicherin herauszuarbeiten, indem sie aufzeigt, wie intensiv deren Werk Biografisches spiegelt. „Mehr als alles andere aber forderte die moralische Entschiedenheit, die schon Bachmanns frühe Texte zeigen, ihre Zeitgenossen heraus, wurde sie doch von einer Frau formuliert, die entgegen der Konventionen höchst ungebunden zwischen Ländern und Lebenspartnern wechselte und sich jede Einmischung in ihre Art zu leben verbat“, schreibt die Biografin und zeigt, wie hart erkämpft dieses Selbstbewusstsein war.
Es ist ein Verdienst des Buches, dass es sich intensiv den Anfängen widmet, als Bachmann an der Uni und ein „Fräulein Niemand“ war. Stoll berichtet von einem Kulturbetrieb, in dem Frauen als Objekte wahrgenommen wurden: „Während Bachmann in ihrem philosophischen Studium auf ihren Kopf vertrauen konnte und in ihrem Denken sehr früh ernst genommen wurde, sah sie sich in ihren Versuchen, literarisch Fuß zu fassen, mit der Begutachtung durch Männer konfrontiert, die ihren Körper wie eine Ware taxierten und für die in Aussicht gestellte Förderung ihre sexuelle Auslieferung als Pfand forderten.“ Stolls Deutlichkeit ist ein Glücksfall.
Die Zerrissenheit der Dichterin führt sie auf deren Beziehung zum Vater zurück. Matthias Bachmann, ein Volksschullehrer, forderte und förderte Ingeborg – und war doch auch bereits Mitglied der NSDAP, als diese in Österreich noch verboten war. Ein Schock für die Tochter. „Nachdem der geliebte Übervater seine Autorität verspielt hatte, bestimmte Bachmann die Sprache zum alleinigen Hoffnungsträger.“ Die Zeile in ihrem zweiten Gedichtband „Anrufung des großen Bären“ (1956) wird Lebensmotto: „Mein Wort, errette mich!“MICHAEL SCHLEICHER
Andrea Stoll:
„Zwei Menschen sind in mir“. Piper Verlag, München, 480 Seiten; 26 Euro.