Der Schatzsucher vom Eisbach

von Redaktion

Das Haus der Kunst zeigt Fundstücke des Surfers Tao Schirrmacher

Ein zerfressener Geldschein vom Grund des Gewässers.

Handschellen und Telefon: skurille Fundstücke.

Die Eisbachwelle ist eine Touristenattraktion.

Frisch aus dem Eisbach getaucht: Surfer Tao Schirrmacher zeigt seine Ausbeute des Tages. Seit 20 Jahren holt der Münchner allerlei Kurioses aus dem Gewässer. © O. Bodmer (3), Kneffel/dpa

Donnerstagmorgen, Tao Schirrmacher, 43, geht tauchen. Im Eisbach, seinem Revier. Dieses Mal fördert er aus den Tiefen des Wassers zutage: zwei Ein-Euro-Münzen, eine Fünf-Cent-Münze, drei Sonnenbrillen, eine Payback-Karte, einen Armreif, eine Creole. Schirrmacher trägt seine Fundstücke direkt ins Museum hundert Meter weiter. Ins Haus der Kunst.

Der Münchner Eisbach-Surfer und -Taucher durfte gestern in dem altehrwürdigen Haus seine eigene Ausstellung eröffnen: „Tao Schirrmachers Sammlung. Eisbach Treasures“. Denn genau das sind die Stücke, die er im Laufe der vergangenen 20 Jahre aus dem Eisbach gefischt hat: treasures, Schätze. „Ich habe oft ein richtiges Gollum-Gefühl“, sagt der 43-Jährige und lacht.

Anfang der 2000er sucht der junge Eisbach-Surfer zunächst nach verlorenen Finnen, kleinen flossenartigen Stabilisatoren von der Unterseite des Bretts. Im Jahr 2008 stößt er bei einem seiner Tauchgänge, die schon zur Gewohnheit geworden waren, auf einen wertvollen Goldring. Quasi Gollums Schatz. Und Schirrmacher kommt aus der Nummer nicht mehr raus. Er tauft sein Projekt „Lost and Drowned“ („Verloren und untergegangen“) und archiviert seine Funde – kleine Stücke Stadtgeschichte.

Er stößt auf einen Goldring – quasi Gollums Schatz

Eheringe und E-Zigaretten, Münzen und Medaillen, Taschenrechner und Taschenuhren, Videokassetten und Vibratoren: All das bewahrt er im Keller auf. Für die wertvollen Stücke – etwa einen mit Diamanten besetzten Herz-Anhänger oder jenen wertvollen Ring – mietet Tao Schirrmacher ein Bank-Schließfach an. Sicher ist sicher. Müsste er gewisse Dinge nicht im Fundbüro abgeben? Das habe er anfangs gemacht, erzählt Schirrmacher, doch irgendwann wurde es zu viel. Mittlerweile ist er sein eigenes Fundbüro. Gegenstände, die leicht zuzuordnen sind wie Ausweise und Smartphones, gibt er selbstverständlich zurück. Einmal habe er beim angegebenen Notfallkontakt angerufen, erzählt Schirrmacher. Dran war ein Vater. Der Sohn, der den Verlust des teuren Smartphones noch nicht gebeichtet hatte, bekam live einen Einlauf.

Und der Herz-Anhänger mit den Diamanten: Wer denkt da nicht an Rose aus „Titanic“, die einen ebensolchen ins Meer warf? Schirrmacher hat viele Stücke, die seine Fantasie beflügeln. So wie ein Ring mit der Gravur „Oma und Opa“. Ob die Enkelin ihn vermisst? Oder der Enkel? Ob die Großeltern womöglich nie dazu kamen, den Ring zu überreichen? Fragen über Fragen.

Der verrückteste Fund? „An einem Tag habe ich ein Sexspielzeug und ein Hakenkreuz herausgefischt“, erzählt Schirrmacher. „Das glaubt einem keiner.“

Nun ist seine Sammlung also museumsreif. Erzählt sie doch so viel mehr, als nur von verlorenem Schmuck und Sonnenbrillen. „Die Sammlung erzählt von Menschen“, sagt Andrea Lissoni, künstlerischer Direktor im Haus der Kunst. Von Einheimischen und Touristen, von Vergangenheit und Gegenwart.

Und wer weiß, vielleicht erkennt sich ja ein Besucher oder eine Besucherin auf den Videos wieder, die in Endlosschleife laufen. Sie zeigen die letzten verwackelten Momente, bevor die Videokameras im Eisbach untergingen. Ehe Tao Schirrmacher sie wieder ans Tageslicht brachte.JANINA VENTKER

„Eisbach Treasures“

im Haus der Kunst, zu sehen bis 7. Februar 2027. Täglich geöffnet (außer dienstags) von 10–20 Uhr.

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