Mensch Gott

von Redaktion

Münchner Festspiel-Premiere von Wagners „Walküre“

Eine Walküre prescht im Video durch den Englischen Garten. © Braun, Dahl, Bebi

Showdown im Königssaal: Nicholas Brownlee (Wotan) und Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde, liegend). © Monika Rittershaus

Scharf genug wäre das Messer. Doch kein Blut aus der Pulsader: Können Götter Suizid begehen? Die Ewigen haben da ein Problem. In diesem Fall Wotan, der sich löschen will aus seiner Familie, wo Domina Fricka über die Ehe wacht und vor einem Mord nicht zurückschreckte. Überhaupt sehen wir viele Extras in dieser Premiere, meist Rückblenden. Und während des grandiosen Videos zum „Walkürenritt“ steht ein Mann in Schwarz auf dem Max-Joseph-Platz und hat ein Baby im Arm. Der Kleine wird heranwachsen zum bösen Hagen – auf Wiedersehen in der „Götterdämmerung“.

Eine Religion mit tödlichen Folgen

Tobias Kratzer hält tatsächlich den selbst gesteckten Regie-Kurs. Dieser „Ring des Nibelungen“, den er für die Bayerische Staatsoper inszeniert, wird eine durcherzählte Geschichte. Mit Querverweisen, Figuren, die in für sie „fremden“ Szenen auftauchen. Man nehme nur den riesigen Goldaltar, in dem am Ende des „Rheingolds“ (Premiere war im Oktober 2024) Wotan & Co. Platz nehmen und sich feiern. Auch weil sie als Heidengötter damit das Christentum verdrängt haben. Den Altar gibt es nun wieder. In der „Walküre“ steht er als Retabel, als Hausaltar in Hundings Haus. Draußen wacht eine Stele mit Fricka-Bild und Kerzen. Der Hausherr huldigt der Ehe-Hüterin und verlangt das auch von Gattin Sieglinde – er hat allen Grund dazu. Eine bayerische Hütte im Nadelholzwald, ein Pseudo-Idyll, das religionstechnisch irgendwie falsch abgebogen ist.

Tobias Kratzer macht mit Ausstatter Rainer Sellmaier das große Fass auf. Zerreißt es die Figuren in der „Walküre“ normalerweise zwischen Liebe und gesellschaftlichen Normen, so geht es hier um anderes. Um Glaube, um die Instrumentalisierung von Religion, um Bigotterie und um die tödlichen Folgen, die das alles haben kann für die Figuren – die doch nur eines wollen: lieben und geliebt werden. Erst recht Siegmund und Sieglinde, die sich als Zwillinge erst erkennen, nachdem sie Sex hatten: Entschuldigt das den Inzest? Mehrere solcher neu gedachten Momente gibt es. Die zeigen: Hier ist einer extrem tief eingedrungen ins Stück, verliert sich aber nicht darin. Kratzer kann auch „Ring“-Neulinge abholen. Vor allem mit dem herrlichen Video, auf dem die Walküren aus der Residenz reiten, durch den Englischen Garten preschen, von verdutzten Passanten beobachtet. Lacher, Szenenapplaus, so wickelt man die Gala-Gemeinde ein.

Dabei ist Kratzer gar nicht aus auf Überwältigung. Dafür gibt es Hintergründiges en miniature. Das verzweifelte Gebet Sieglindes vor dem Hausaltar etwa, weil sie den Ehebruch fürchtet. Siegmund, der das rettende Schwert Nothung fast zufällig in Hundings Waffenschrank findet. Oder die böse Schlusspointe: Der gelangweilte Feuergott Loge tritt da auf. Kein schützender Feuerring um die in Zwangsschlaf versetzte Brünnhilde, nur ein Flämmchen gibt es. Jeder kann das austreten, dafür braucht es, wie von Wotan versprochen, keinen Helden. Gottvater hat schon hier die Macht verloren.

Verkörpert wird er von Nicholas Brownlee. Ein Heldenbariton aus dem Klangbilderbuch, mit Erz in der Kehle, naturgewaltigen Tönen, auch das Zärteln beherrscht er. Die vokale Archaik steht in aufreizendem Kontrast zum jugendlichen Typ: Brownlees Wotan ist ein fehlbarer Buddy. Und ein liebender Vater, die Videos über Siegmunds und Sieglindes Kindheit zeigen das. Ein wenig zu oft und unvermittelt wird da die Leinwand auf halbe Höhe heruntergelassen. Es gab Kratzer-Abende, an denen die Videos von Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi eleganter eingepasst wurden. Miina-Liisa Värelä gibt eine in allen Lagen abgesicherte Brünnhilde. Eine nimmermüde, gedeckte Stimme mit viel Substanz.

Mehr auf Entäußerung gestaltet Irene Roberts, die ihre Sieglinde in kühlen Farben lodern lässt. Joachim Bäckström ist als Siegmund nicht nur getriebener Held, sondern strahlt auch Selbstbewusstsein aus. Mit seinem eng kanalisierten Tenor kann er sich gut Gehör verschaffen. Der schwarzbassige Ain Anger wird als Hunding gern gebucht. Man merkt ihm an, dass auch er die Rolle neu durchdenkt. Ekaterina Gubanova gibt das Fricka-Biest, eine effektvolle Intrigantin und Spielmacherin, Texttransport ist allerdings nicht unbedingt ihre Domäne.

Das Regie-Dauerfeuer, die ständigen Intelligenzblitze, die sich mancher von diesem Kratzer-Abend erwartet hatte, gibt es hier nicht. Ja, da sind Durchhänger. Doch das liegt auch am Mann im Graben. Vladimir Jurowski ist ein blitzgescheiter Dirigent, das verraten viele Details. Mit dem Staatsorchester interessiert er sich für eine Schärfung des Klangs, für die Schichtungen, für die Momente, wenn Wagner die Szene kommentierend weitertreibt. In dieser Überdeutlichkeit entgeht Jurowski Entscheidendes: Wagners Leitmotive sind Teil einer Rhetorik, einer musikalischen Struktur, die das Drama anheizt. Doch Jurowskis Deutung scheint sich ständig selbst zuzuhören. Theatermusik klingt anders. Vieles ist zu langsam. Manches ist auch zu laut. Nicht alle können sich so durchsetzen wie Nicholas Brownlee.

Der zeigt mit Tobias Kratzer das eigentliche Thema dieser „Walküre“: die Menschwerdung Wotans. Wir sehen, hören und fühlen einen einstigen Göttervater, der zerbricht an seiner Funktion und an ihren Erfordernissen. Der vielleicht auch nie geeignet war für den Job. Und wir begreifen, warum Wotan im „Siegfried“ als einsamer Wanderer die Welt durchstreifen wird. Das Messer dürfte er dabeihaben. Hoffen wir das Beste für ihn.MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

am 28. Juni, 1., 4. (auch „Oper für alle“) und 8. Juli; alles ausverkauft, Restkarten eventuell unter staatsoper.de.

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