Katharina Wagner, Festspielleiterin. © Enrico Nawrath
Michel Friedman spricht nun wie geplant am Vormittag des 26. Juli im Festspielhaus. © Arne Dedert/dpa
Zum 150. Geburtstag der Bayreuther Festspiele gab es massive Auseinandersetzungen um eine Gedenkmatinee – waren wirklich alle begründet? © Daniel Karmann/dpa
Es wäre ja noch schöner gewesen, noch ungewöhnlicher. Bayreuther Festspiele, zudem im Jahr des 150. Bestehens – und kein Skandal? Dabei läuft nun alles, wie ursprünglich geplant: Michel Friedman wird am Vormittag des 26. Juli im Festspielhaus sprechen, mutmaßlich zur braunen Vergangenheit des Grünen Hügels. Dazu erklingen Werke jüdischer Komponisten und Wagners „Siegfried-Idyll“. Dies alles wenige Stunden, bevor sich der Vorhang hebt für Richard Wagners „Rienzi“, eines der von Adolf Hitler hochgeschätzten Werke. Mehr Kontraste, mehr inhaltliche Bezüge, mehr Diskurspotenzial kann ein Festivaltag eigentlich nicht bieten.
Also alles ausgestanden? Festspielleiterin Katharina Wagner hat sich bekanntlich bei Friedman entschuldigt, weil seine Veranstaltung nicht wie geplant durchgeführt werden sollte. „Sicherheitsbedenken“ standen im Raum. Zwei derart wichtige Termine, eine Gedenkmatinee plus eine der wichtigsten Premieren der jüngsten Zeit, tags zuvor Festkonzert plus Staatsakt: Die kritische Veranstaltungsmasse schien überschritten. Bayreuth hatte sich sehenden Auges in eine Terminballung manövriert.
Viele interne Gespräche gab es, wohl auch konfrontative. Und es gab Selbstkritik, aber auch Verwunderung bis Verärgerung über den Debattenverlauf der vergangenen Wochen. Typisch Bayreuth, noch immer brauner Sumpf, nichts aus der Vergangenheit gelernt: Die Diskussion, an der sich sofort Prominente aus Politik und Gesellschaft beteiligten, folgt einem fast erwartbaren Automatismus – der nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben muss.
Der empörte Michel Friedman forcierte in der „Süddeutschen Zeitung“ die Diskussion. „Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen abzusagen, ist in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord“, sagte er. Und: „Die Ernsthaftigkeit, sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt.“ Friedman ist einer der brillantesten, wichtigsten Redner des Landes – und er weiß genau, welche Knöpfe er drücken muss, um gehört zu werden. Auch andere Medien wurden von ihm kontaktiert.
Ein „Kommunikationsdefizit“ wird in Bayreuth eingeräumt. So formuliert es Katharina Wagner in diesen Tagen. Ein Besuch bei der Festspielleiterin auf dem im Doppelsinn überhitzten Hügel. Im Haus wird „Rienzi“ geprobt, man sieht es auf dem Monitor im Besprechungsraum. Die Chefin wirkt glaubwürdig unglücklich über die vergangenen Wochen. Vieles bringt sie zur Sprache, das nichtöffentlich bleiben muss. Aber zwei Dinge will sie nicht auf sich sitzen lassen: Von einer Absage der Matinee mit Michel Friedman war ihrerseits nie die Rede. „Es war und ist mir ein wichtiges Anliegen, die Bayreuther Vergangenheit verantwortungsvoll und offen aufzuarbeiten.“
Ihr Stand sei immer gewesen: Man müsse bei Friedman höflich anfragen, ob eine Terminverschiebung möglich wäre angesichts des dicht getakteten Festspielstarts. Der erfordere entsprechende Sicherheitsvorkehrungen, aber auch ganz simple technische Dinge: Die Bühne müsse schließlich für das kurze Zeit später stattfindende Mammutprojekt „Rienzi“ vorbereitet werden. „Wenn keine Verschiebung möglich ist, dann müssen wir eben eine Lösung finden“, so hatte sich das Katharina Wagner nach eigenen Worten gedacht. Deshalb das Vorfühlen, ob sich der Redner einen anderen Tag vorstellen könne. „Ich kann die Verärgerung von Herrn Friedman absolut verstehen“, sagt Katharina Wagner. „Er hat schließlich sehr Wichtiges zu sagen, und das nicht nur über Bayreuth.“
Vor allem sie hat die Selbstbespiegelung Bayreuths seit ihrem Amtsantritt befördert. Auf der Bühne häuften sich die Aufarbeitungen, in Stefan Herheims „Parsifal“-Inszenierung, in Barrie Koskys „Meistersingern von Nürnberg“, nicht zuletzt in Katharina Wagners eigener Auseinandersetzung mit den von den braunen Machthabern so geschätzten „Meistersingern“. Zudem gibt es die Dauerausstellung „Verstummte Stimmen“, die seit 2015 unterhalb des Festspielhauses an verfolgte und ermordete jüdische Mitwirkende des Festivals erinnert und von der Stadt Bayreuth initiiert wurde.
Auch das Wagner-Museum stellt sich dieser Thematik. Zudem wurden dem Nationalarchiv Dokumente aus dem Familienarchiv überlassen zur wissenschaftlichen Aufarbeitung. „Mir ist wichtig, dass wir uns unserer Geschichte stellen. Dazu gehören auch die dunklen Kapitel, die eine kontinuierliche und verantwortungsvolle Auseinandersetzung verdienen. Als Festspiele können wir dazu vor allem auf künstlerische Weise beitragen: durch die Auswahl der Regisseurinnen und Regisseure und die Perspektiven, die sie in ihren Inszenierungen eröffnen.“
Ursprünglich gab es den Giga-Plan, alle Werke, die Richard Wagner jemals für Bayreuth zugelassen hat plus „Rienzi“ zu zeigen. Das musste bekanntlich aus Spargründen gekippt werden. Dennoch will die Festspielleiterin diesen Sommer nicht als Sparprogramm verstanden wissen. Im Park am Grünen Hügel wurde ein temporäres „Kleines Festspielhaus“ für Kinder und Jugendliche errichtet, es gibt über 100 Education-Veranstaltungen. Dass ein Straßenfest zum Jubiläum abgesagt wurde, wird von den Festspielen bedauert. Doch zugleich betont man auf dem Hügel: Alles, was mit der Stadt Bayreuth geplant war, wurde und wird durchgeführt. Dass die Stadt Eigenveranstaltungen aus finanziellen Gründen kippte, dafür könne man nichts.
„Es muss jemand zum Antisemitismus in Wagners Bayreuth reden, zum kuscheligen Verhältnis von Wagners Nachfahren zu Hitler“, mahnte die „taz“, meinte Michel Friedman – und suggerierte wie viele andere, Bayreuth sei irgendwie in der Zeit zwischen Richard Wagners ekelhaftem Manifest „Das Judenthum in der Musik“ und 1945 steckengeblieben. Die Rede Friedmans wird sich am 26. Juli nun ereignen. Ebenso wie eine zweite anlässlich des Festakts am 25. Juli. Bevor Christian Thielemann Beethovens Neunte dirigiert, wird ein weiteres wichtiges Mitglied der Intellektuellenzunft die Bühne betreten: Nike Wagner, wie die Festspielleiterin eine Urenkelin des Komponisten.MARKUS THIEL