Holla, die See-Fee: Katja Berg und Patrick L. Schmitz als Dieter/Artus. © Jan-Pieter Fuhr
Zweieinhalb Stunden suchen König Artus und seine Tafelrundenritter den Heiligen Gral – und finden ihn am Ende im Publikum ganz profan unter Sitz 10 in Reihe 10. Eine Zuschauerin namens Uli hatte ihn am Gaswerk in Augsburg bis dahin unwissend tapfer bewacht. Ansonsten hieß König Artus zu Beginn des Abends noch Dieter, bevor ihn die Fee aus dem See scheinbar aus dem Saal rekrutierte und zum Herrscher Britanniens beförderte. In dieser ersten Viertelstunde lässt der Abend Langatmigkeit und staubigen Klamauk befürchten. Dann bekommt Monty Pythons Artusverschnitt Tempo.
Aus den Motiven des Kultfilms „Die Ritter der Kokosnuss“ haben Eric Idle und John Du Prez keine bloße Bühnenkopie gemacht, sondern ein Musical, das sich selbst beim Musicalsein zusieht. Seit 2004 nimmt „Spamalot“ nicht nur Artus und seine Ritter aufs Korn, sondern auch die eigenen Regeln. Figuren kommentieren ihre Auftritte, Lieder handeln davon, dass gesungen wird. Daniel Große-Boymann hat diesen Humor treffsicher ins Deutsche gebracht.
Auf der neuen Sommerbühne am Gaswerk findet Regisseurin Anna Weber dafür oft eine gute Form – und arbeitet sich munter an der vierten Wand ab. Mal wird sie betont, mal als Tür benutzt, mal dem Publikum beinahe ins Gesicht geknallt. Ein riesiger Finger bläht sich auf und zeigt am Ende der Gralssuche in den Saal. Zuschauer werden zum Mitsingen aufgefordert, am Ende stehen einige selbst auf der Bühne. Manches wirkt überstrapaziert; in Brechts Geburtsstadt darf die vierte Wand stärker wackeln als andernorts.
Am schönsten gelingt das mit Katja Bergs Fee aus dem See. Sie fordert zusätzliche Soli, beschwert sich über ihre Bühnenzeit, legt sich mit der Regie an und nennt den Dirigenten Sebastian van Yperen einen „Wedelfuzzi“. Das ist präzise gespielt, stimmgewaltig gesungen und jedes Wort verständlich. Patrick L. Schmitz gibt König Artus sympathische Bodenhaftung und klare Diktion. Marina Löschert überzeugt als Lancelot vor allem gesanglich, bleibt im gesprochenen Text jedoch häufiger undeutlich.
Aber eben nicht alles zündet. Der Mitsingversuch auf den Refrain „Deine Hand fasst mein Knie, du alternder Lustmolch“ gerät zäh: Das Publikum erhebt sich höflich, sitzt nach der ersten Wiederholung aber fast geschlossen wieder. Mitmachen lässt sich nicht verordnen. Bei „Always look on the bright Side of Life“ ist der Saal freilich vor Sangeskraft kaum zu halten.
Handwerklich ist der Abend stark. Bildnerin Sina Althens nutzt die Sommerbühne hervorragend: Ritterhelm, Steg und bewegliche Landschaftselemente geben den Revue-Nummern Raum, ohne den Spielfluss zu bremsen. Helena Sturms Choreografien bringen die Ensembleszenen sauber in Schwung.
Musikalisch führt van Yperen die Augsburger Philharmoniker mit Geschmack in Broadway-Klänge. Ärgerlich bleibt die Tonmischung: Sänger und Orchester sind über weite Strecken schlecht balanciert. Das Problem liegt nicht am Dirigenten-, sondern am Mischpult.
Sei’s drum: Dieser Abend macht Spaß. Die Produktion lebt von Tempo, Selbstironie und einem Ensemble, das den Spaß nicht ausstellt, sondern spielt. Nicht jeder Gag trifft, nicht jede Publikumsaktion zündet. Aber meistens hat dieser Abend, was gutes Unterhaltungstheater braucht: Mut zur Albernheit, Sorgfalt und genug Witz, um aus einem Dieter glaubhaft König Artus zu machen.WILLI PATZELT