Nikolaus Habjan, Regisseur und Puppenspieler. © L. SPUMA
„Claire Zachanassian ist eine Traumrolle für sie“: Sophie Rennert und ihr Puppen-Double. Gottfried von Einems Oper hat an diesem Freitag Premiere. © Markus Tordik
Eine Frau, die einst sitzen gelassen und zur Prostitution gezwungen wurde, kehrt zurück in ihren Heimatort. Sie bietet eine Milliarde für den Tod ihres Widersachers. „Der Besuch der alten Dame“ wurde zu einem Welterfolg für Friedrich Dürrenmatt. Gottfried von Einem schrieb darauf eine Oper, die 1971 in Wien uraufgeführt wurde. Nikolaus Habjan, Regisseur, Puppenspieler und Kunstpfeifer, inszeniert sie fürs Gärtnerplatztheater. Premiere ist an diesem Freitag.
Wie kamen Sie ausgerechnet auf diese Oper?
Ich halte sie für ein unterschätztes Stück. Ich habe es 2018 im Theater an der Wien gesehen und sagte mir: Wenn mir das jemals angeboten werden sollte, mache ich es sofort. Dann kam Josef Köpplinger mit der Anfrage fürs Gärtnerplatztheater – und war überrascht, dass ich das Stück so gut kannte. Am allerschönsten war, als er mir sagte, dass Sophie Rennert die Titelrolle singt. Ich habe mit ihr studiert, kenne sie seit Langem und wollte schon immer mit ihr arbeiten. Die Claire Zachanassian ist eine Traumrolle für sie.
Ist das Bild von Claire vor allem durch die Filme, etwa durch den von Bernhard Wicki, verfälscht worden?
Ja. Bei diesem Stück darf man nie den Fehler machen, dass man den unglaublichen Humor ignoriert. Das Thema ist: Wir machen uns über grässliche Dinge sehr schnell lustig. Man nehme nur Donald Trump und sein Make-up oder Hitlers Schnurrbart, über den man früher gespottet hat. Aber dieser Spott birgt eine Gefahr. Claire Zachanassian macht keine einzige falsche Aussage. Im zugrunde liegenden Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt fragt sie den Kunstturner: Haben Sie schon einmal jemanden erwürgt? Das ist kein Witz. Die einzige Person, die immer wieder versucht, alles mit Humor zu kaschieren, ist ihr Gegenspieler Alfred Ill. Das halte ich für einen unglaublich spannenden, zeitlosen Aspekt. Wir tendieren doch dazu, alles als Witz zu betrachten und es damit zu verharmlosen. Auch im Falle von Trump, der sich widerlich über Frauen lustig macht oder gegen Transmenschen Stimmung macht.
Wenn man über Trump grinst, ist es eigentlich zu spät – das Widerwärtige ist ja schon passiert.
Genau. Es ist gefährlich. Deshalb halte ich den „Besuch der alten Dame“ für aktuell, weil hier eine Gesellschaft beschließt, die Moral ein bisserl anzupassen. Es ist ein Stück darüber, wie leicht und gern man vor der Realität die Augen verschließt. Es gibt doch Geschichten über Menschen, die trotz der Warnung vor einem Vulkanausbruch in ihren Häusern geblieben sind. Mit dem Klimawandel ist es dasselbe. Gerade war eine Hitzewelle, bei uns war es heißer als in Marokko. Und wo sind die Konsequenzen? Ob bei Dürrenmatt oder jetzt: Wir erleben einen Autounfall in Zeitlupe – und sind mittendrin.
Eine Milliarde für den Tod eines Mannes – wie realistisch ist so etwas?
Natürlich ist alles überspitzt und als Karikatur gezeichnet. Aber jede Karikatur hat einen wahren Kern. In der „Zeit“ gab es gerade eine Geschichte über ein nordfriesisches Dorf. Dort wurde ein Mann umgebracht, weil er sich als Tyrann aufgeführt haben soll. Und jetzt fühlen sich die Leute dort wohler. Kaum einer betrauert den Mord. Dürrenmatt hat solche gesellschaftlichen Verhältnisse gnadenlos offengelegt.
Insofern passt „Der Besuch der alten Dame“ perfekt in ihr Stück-Portfolio.
Finde ich auch. Dazu genieße ich die Arbeit am Gärtnerplatztheater. Es ist wie ein Klassentreffen, ich kenne Sängerinnen und Sänger von früher. Und das zwischen dem Chor und mir ist wie eine Liebesgeschichte. Normalerweise denke ich bei Proben: Wenn wir 70 Prozent von dem umsetzen, was wir uns vornehmen, ist das wunderbar. Hier bekomme ich über 100 Prozent und zwei Hüpfer mehr.
Wie leicht können Sie von Ihren Inszenierungsbabys loslassen? Oder sind Sie der Ober-Kontrolletti?
Letzteres nein. Meine Deadline ist immer die Klavierhauptprobe, da will ich mit allem fertig sein. Dann überlasse ich dem Dirigenten das Feld. Andererseits fordere ich ein, dass die Dirigenten schon vorher bei szenischen Proben dabei sind, damit eventuelle Konflikte ausgeräumt werden können. Ich komme mit einem fertigen Konzept, schmeiße aber alles gern um, wenn ich überzeugende Angebote von Sängerinnen und Sängern bekomme. Ich muss wissen, wo der Zielflughafen ist. Deshalb ist es für mich immer wichtig festzulegen, wie der Abend anfängt und wie er aufhört. Aber für das Dazwischen bin ich offen.
Spielen Sie anders, seitdem Sie selbst inszenieren?
Nein. Sprechtheater habe ich schon während meines Studiums gemacht. Ich fühle keinen großen Unterschied zwischen Spielen und Regieführen. Es hilft mir total, beide Seiten zu kennen. Als Darsteller kann ich vermitteln, was ich von der Regie benötige. Umgekehrt kann ich mich als Regisseur, so glaube ich, gut hineinversetzen: Was braucht ein Sänger, eine Sängerin gerade? Und manchmal viel wichtiger: Was brauchen sie auf gar keinen Fall?