Riskante Interpretation mit einem Lächeln: Petr Popelka, bald Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, debütiert bei den Philharmonikern. © Tobias Hase/mphil
„Heute seht ihr einen echten designierten Generalmusikdirektor“, ruft Malte Arkona den Kindern in der Isarphilharmonie zu. Man könnte meinen, gleich werde ein seltenes Tier vorgeführt. Dann kommt Petr Popelka. Gerade als GMD der Bayerischen Staatsoper ab 2029 vorgestellt worden, gibt er nun sein Debüt bei den Münchner Philharmonikern. Die Kinder staunen nicht schlecht. Die Erwachsenen bald auch.
Die Jugendkonzerte der Philharmoniker sind Musikvermittlung allererster Güte. Arkona, manchen womöglich noch aus dem „Tigerenten Club“ bekannt, moderiert mit Witz und in einer Sprache, die Jugendliche erreicht, ohne – so würden diese wohl sagen – cringe zu sein. Vor Dvořáks Violinkonzert zeigt er Fotos von Dvořák und Geiger Joseph Joachim: „Die beiden hatten wohl den gleichen Friseur.“ Wüsste man es nicht besser, könnte man hinzufügend meinen, Popelka vertraue Haar und Bart denselben Händen an.
Dvořáks Violinkonzert fand in Joseph Joachim keinen großen Fan. Bei Isabelle Faust liegt es in dankbareren Händen. Sie ist keine Geigerin der großen Pose, vielmehr des organisch-kammermusikalischen Zugriffs. Anfangs ist ihr Ton nervös, nicht alles spricht frei und rein. Mit dem zweiten Satz ändert sich das: Da liegt über Dvořáks Musik böhmische Sommerhitze. Wärmend, auch wehend, lässt Faust die Geige singen, ohne je den Ton aufzudicken – gerade so, als käme aus der Ferne eine einsame Stimme über die Landschaft herüber.
Diese malt Popelka in pastelligen Farben. Nichts deckt der Tscheche zu. Er dosiert, legt Schichten frei, wartet mit den Steigerungen. Was im Kopfsatz funktioniert, wird im Finale etwas zum Problem: Der Zugriff des sparsam Aufbauenden und Dosierenden gerät so riskant, dass der Spannungsbogen bisweilen flattert. Doch gerade solches Risiko schützt vor Mittelmaß: Große Interpretation entsteht nicht aus Sicherheit, sondern aus dem Versuch, alles auf eine Karte setzen zu wollen.
Ob es nicht unangenehm sei, wird Popelka nach der Pause auf der Bühne gefragt, sich gerade in die Philharmoniker zu verlieben, wo er doch künftig an die Staatsoper gehe? „Musik machen ist immer was Schönes. Das kann nie unangenehm werden“, entgegnet er herzlich lächelnd. München kennt er ohnehin: 2009 lebte er hier als Akademist des BR-Symphonieorchesters. Danach wurde er Solo-Kontrabassist der Staatskapelle Dresden. Vielleicht erklärt das, wieso sein Klangbild so stark von unten kommt.
In Strawinskys „Feuervogel“-Suite wird daraus ein Ereignis. Popelka zeigt, wie viel Zauber in dieser Musik steckt, wenn man sie nicht mit Sandpapier aufraut, sondern in Farben badet. Das Schillernde, fast Impressionistische bleibt weich konturiert, aber nie harmlos. Im Höllentanz macht Popelka keine Dezibel-Gefangenen, um umso mehr den Kontrast in der Rücknahme zu finden. Im Wiegenlied führt er die Philharmoniker bis an die Grenze des Hörbaren: ein magisches Pianissimo, aus dem jede Farbe glimmt. Am Ende schmettern die Posaunen, der Klang steigt aus der Tiefe auf.
Hier geschieht Großes vor jungem Publikum – das macht diesen Abend so bezaubernd. Faust hatte zuvor vor ihrer Zugabe von Louis-Gabriel Guillemain erzählt, der Komponist habe sich hochverschuldet mit 14 Messerstichen selbst getötet. Die Kids applaudieren begeistert. Diese Nonchalance: herrlich. Und Popelka? Ein großes Versprechen für München.WILLI PATZELT