Die Frau hinter der Rachegöttin

von Redaktion

Nikolaus Habjans starke Regie für „Der Besuch der alten Dame“ am Gärtnerplatz

Claire wird zur Maske der früheren Klara: Szene mit Sophie Rennert in der Titelrolle und Ludwig Mittelhammer als Alfred Ill. © Markus Tordik

Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ braucht eigentlich keine Oper. Das Schauspiel ist so präzise gebaut, so bitter, so theaterwirksam, dass jede Vertonung wie ein Risiko wirkt. Die Frage dieser Gärtnerplatz-Premiere lautet deshalb nicht, ob Dürrenmatt noch aktuell ist. Natürlich ist er das. Sondern ob Gottfried von Einems selten gespielte Oper neben diesem Stück bestehen kann. Die Antwort lautet: ja – weil von Einem den Opernbegriff so reduziert, dass Dürrenmatts Text nichts im Wege steht.

Von Einems Musik ist keine psychologische Tiefenbohrung, kein spätromantisches Ausleuchten verwundeter Seelen. Oft spricht sie nicht ganz für sich allein, sondern unterlegt, schärft, beschleunigt. Sie macht nicht Claire Zachanassians Inneres groß, sondern den Druck einer Gesellschaft hörbar, die sich beim Verkommen zusieht.

Die Geschichte ist einfach und grausam: Claire kehrt als reichste Frau der Welt in ihre verarmte Heimat zurück. Einst war sie, damals Klara Wäscher, schwanger und wurde von Alfred Ill verlassen, der sich mit falschen Zeugen vor Gericht der Verantwortung für die Vaterschaft entzog. Nun bietet sie der Kleinstadt Güllen eine Milliarde – für Ills Tod. Erst ist die Empörung groß. Dann werden Schuhe gekauft, Waren bestellt, Kredite aufgenommen. Niemand spricht von Mord. Aber alle leben schon vom Kopfgeld.

Regisseur Nikolaus Habjan erzählt diesen Verfall präzise und durchaus einfühlsam. Anfangs hält Heike Vollmers Bühne Güllen in Schwarz, Weiß und Grau gefangen: Bahnhof, Laden, Kirche, alles karg, ausgezehrt. Güllen macht seinem Namen alle Ehre; der Wegweiser zeigt zum WC. Erst nach Claires Angebot sickert Rot in diese Welt: Schuhe, Jacken, Kleider, Menschengruppen. Am Ende leuchtet die Stadt fast blutrot. Der moralische Bruch beginnt nicht mit der großen Entscheidung. Er beginnt beim Einkaufen.

Besonders stark ist Habjans Idee, die alte Dame in Klara und Claire aufzuspalten. Der Österreicher kommt vom Puppenspiel, seinen Inszenierungen sieht man das regelmäßig an. Die gesungene Figur bleibt Klara Wäscher. Claire Zachanassian, das spätere, verhärtete Ich, erscheint als clownesk verzerrte Schreckenspuppe. Anfangs führt Klara diese Claire noch selbst, später entgleitet sie ihr. Ein kluger Regie-Kniff, der zur unheimlichen Seele des Abends wird. Wo Gottfried von Einems Musik die Wunde eher umkreist als darin bohrt, gibt Habjan der Figur Tiefe: Claire als Maske Klaras. Reichtum steht Verletzung gegenüber, Rache der verlorenen Liebe. Im Schlussbild liegt nicht die Milliardärinnen-Puppe beim toten Ill, sondern wieder Klara.

Die Partitur hat ihre größte Kraft, wenn sie nicht fühlt, sondern treibt. Schlagwerk, scharfe Bläser und kantige Rhythmen setzen den Ort Güllen unter Druck. Der Chor wird zur Stadt, zur Menge, zur Meute. In den Waldszenen öffnet sich der Klang eigentümlich weit. Ansonsten gerät diese Musik unter Atemnot, sobald die Schlinge um Ill enger wird. Zartere Farben finden sich seltener; über die Strecke nutzt sich das Verfahren ab. Michael Balke führt das Orchester sicher durch die Partitur, reizt sie dabei aus, lediglich manchmal fehlt es an der richtigen Dosierung.

Stimmlich überzeugt das Ensemble geschlossen. Sophie Rennert braucht als alte Dame nicht viel, um gefährlich zu sein. Sie singt nicht die dunkle Rachegöttin, sondern die Frau dahinter: schlanker, lyrischer Mezzo, kühle Eleganz, ausgezeichnete Diktion. Diese Helligkeit macht plausibel, warum Habjan die monströse Claire an die Puppe auslagert. Ludwig Mittelhammer gibt seinen Ill mit gut geführtem Bariton und wacher Sprache; Wolfgang Ablinger-Sperrhacke macht den Bürgermeister zur Schaltstelle der Selbsttäuschung. Besonders Koby und Loby (Caspar Krieger und Juan Carlos Falcón) gewinnen durch von Einems Musik Profil.

Das Verstörendste geschieht nicht auf der Bühne. Oft lacht das Publikum: über Dürrenmatts Humor, groteske Wendungen, auch über Momente, in denen ein Mensch preisgegeben wird. Erst als Geldscheine regnen, Güllen rot geworden ist und Ill im Sarg liegt, versiegt das Lachen. Darin liegt die Aktualität dieser Parabel: Sie zeigt nicht, wie Menschen zu Tätern werden, sondern wie sie sich an das Ungeheuerliche gewöhnen. Als Habjan in roten Schuhen den Applaus entgegennimmt, wirkt alles ungeheuer real. Dieses Theater endet nicht mit dem letzten Vorhang.WILLI PATZELT

Weitere Vorstellungen

am 8. und 23. Juli, dann wieder im Dezember; Tel. 089/21 85 19 60.

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