Brachte das Publikum – rund 70 Prozent weiblich – zum Ausrasten: Nina Chuba am Samstag in der Olympiahalle. © Martin Hangen (2)
Zuerst gibt’s mal ein bisschen Fitness. Noch vor dem Konzert meldet sich Nina Chuba auf der Videoleinwand bei der ausverkauften Olympiahalle. „Huhu!“ Das Konzert wird anstrengend für die Fans, darum also: „Hoch die Hände – uuuund: Äpfel pflücken!“ Chuba macht Greifbewegungen überm Kopf. Dann: Hüften kreisen lassen, Beine ausschütteln. Und die Bitte: „Seid respektvoll und nett zueinander – Handys sind okay, aber packt sie vielleicht auch mal weg und versucht einfach, im Moment zu bleiben.“
Nina Chuba ist der größte deutsche Popstar. Nach einem umjubelten Konzert im vergangenen Oktober an selbiger Stelle spielt sie jetzt drei Shows am Stück in Münchens größter Halle. Aber hat sie deshalb Allüren? Keine Spur. Da mag die Ouvertüre des Auftaktkonzerts am Samstag noch so bombastisch sein – „Also sprach Zarathustra“ zu Blitz, Donner und Scheinwerfersäulen: Den lasziven Diven-Blick hält Nina nur ein paar Sekunden aus, bevor sie wieder frech lächelt. Den Vamp spielt die 27-Jährige nur, im Herzen ist sie die große Schwester ihrer Fans.
Im Herbst verabschiedete sie sich von ihrem Publikum mit der Erklärung, dass sie so viele liebe Menschen schon lange nicht mehr gesehen habe: „Nach der Tour will ich erst mal wieder heim und mich ausruhen.“ Sie scheint sich erholt zu haben. „Ich bin hier noch nicht fertig, ich misch den Laden auf!“, ruft sie im Eröffnungssong „Nina“, bevor die Konfettikanone knallt und Chuba Leckerbissen nachlegt: „Mangos mit Chili“ und „Wildberry Lillet“ folgen. Ihren größten Hit verräumt die Sängerin neuerdings gleich am Anfang. „Ich hab da diesen einen Song, ich weiß nicht, ob Ihr den kennt“, kündigt sie ihn augenzwinkernd an. Tatsächlich wirkt sie heute weniger nervös als noch im Herbst. Drei Konzerte, unglaublich, ruft sie und schmeichelt: „Ihr seid heute die Ersten – und ich glaube: Ihr werdet die Besten sein!“
Natürlich gibt es auch diesmal charmante kleinere Pannen. Bei „Nicht allein“ sitzt sie allein am Klavier im Dunkeln. „Äh, ich brauche schon auch Licht zum Spielen“, mahnt sie die Technik. Es bleibt dunkel – und Chuba bleibt Chuba. „Wie geht’s euch so, Leute?“, fragt sie das amüsierte Publikum. „Hattet ihr einen schönen Tag? Ich war am Olympiasee. Die Karpfen da drin – wie groß sind die denn bitte?“ Dann geht das Licht an und alles ist gut. Auch nach „Fata Morgana“ steht sie allein im Finstern auf dem Steg in der Menge. Erst als das Bühnenlicht angeht, eilt sie zurück zu ihrer Liveband.
Die begleitet wieder famos Chubas Oden ans Jungsein – und die Probleme damit: Enttäuschung („Wenn das Liebe ist“), Entfremdung („3 Uhr nachts“), Ernüchterung („Fucked up“). Der Sound pendelt zwischen Dancehall, New-Wave-Rock und Ballade. Die Fans sind heute wieder zu 70 Prozent weiblich, hundertfach sieht man Kopien von Ninas „Buns & Braids“-Frisur mit dem Doppel-Dutt und den Zöpfchen. Chuba, in hohen weißen Stiefeln und einem schwarz-weißen Tüll-Kleidchen, singt und hüpft ihnen mit ihren vier Tänzerinnen Selbstbewusstsein vor: „Wo sind meine Mädels?“, ruft sie in den Jubel, bevor „Rage Girl“ Rabatz macht. „Und jetzt die Männer… schwach!“
Aber natürlich ist sie die große Schwester von allen. „Ihr Mäusebärchen, ihr kleinen süßen Schneckchen!“, herzt sie ihr Publikum. Und ist bei aller Euphorie auch ein bisschen Pädagogin – die sich bei Ansagen schon mal selbst bremst: „Wer jetzt noch nicht ,on fire‘ ist, der sollte sich anzünden! Also, metaphorisch gemeint.“ Vor „Unsicher“ schraubt sie ihr Vio-Wasser zu und sagt: „Egal, wie cool wir manchmal tun, wir sind es nicht immer. Ich finde, darüber muss man reden, Leute!“ Und sie fordert die Fans auf, sich einfach mal zu umarmen. Spätestens bei „Glatteis“ hüpft die Halle. Und Chuba ruft: „Ich will eure Hände sehen – Handys weg!“
Mit „Ich hass dich“ und „So lange her“ verabschiedet sich Nina Chuba. Der Jubel will nicht enden, und die Fans singen sogar noch „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros mit, das zum Abspann läuft. Erste München-Mission erfüllt, große Schwester!JOHANNES LÖHR