Kleine Zeichen, große Gefühle

von Redaktion

Premieren-Erfolg: Die Tiroler Festspiele verknüpfen Puccinis „Suor Angelica“ mit „Cléopâtre“ von Berlioz

Im zweiten Teil, wir haben schon einen Suizid erlebt und der nächste steht kurz bevor, öffnet sich in der Rückwand eine Tür. Keiner und keine betritt vorerst den dunklen Bühnenraum. Opernkundige wissen: Jetzt kommt die böse Fürstin, deren Nachricht die junge Nonne in den Tod treiben wird. Doch für einen Moment hält man den Atem an, es ist beunruhigend, bedrohlich, der Abend steht still. Und wenig später greift es nicht wenigen ans Herz, als die Mitschwestern von Angelica langsam hereinkommen. Zunächst nur eine, dann werden es immer mehr. Jede ein Licht in der Hand. Mehr braucht es nicht. Szenische Mini-Zeichen wie eine Sensation. Atmosphäre, Erklärungen, Inhalte, die werden auch so erfahr-, vor allem fühlbar.

Schon wieder also ein Opern-Doppel, mit dem die Tiroler Festspiele groß abräumen. Im vergangenen Jahr mit Poulencs „La Voix humaine“ und „Herzog Blaubarts Burg“ von Bartók, Claus Guth führte Regie. Jetzt koppelt seine Kollegin Deborah Warner Puccinis „Suor Angelica“ mit „Cléopâtre“ von Berlioz. Gemeinsam ist beiden Heldinnen, dass sie freiwillig und kurzzeitig zweifelnd in den Tod gehen. Cléopâtre nach ihrer Niederlage gegen Rom und nach dem Verlust ihres Marcus Antonius. Und Klosterschwester Angelica, weil sie erfährt, dass ihr uneheliches Kind gestorben ist. Für Erstere gibt es keine Hoffnung, der junge Berlioz lässt in seiner waghalsig komponierten, nur 25-minütigen „lyrischen Szene“ die Musik versickern. Angelica erlebt dagegen eine himmlische Vision.

Andere greifen dafür tief in die Kitschkiste, Deborah Warner hat das nicht nötig. Der Abend ist ein Idealfall an ökonomischer Regie. Eine Intensität, die Regie-Tand, Tricks und Kniffe nicht braucht, die sich vielmehr auf anderes stützt: auf Präzision, auf überlegene szenische Dosierung, auf eine Figuren-Entwicklung, die nie choreografiert ist. Pathos, Emotion, all das darf sein. Doch stellt sich das ein über Situatives, über das Zusammenwirken vieler kleiner Zeichen. Es ist eine absichtsvolle Absichtslosigkeit, vollkommen natürlich, Augen und Ohren öffnend, die ganz hohe Schule der Regie.

Natürlich braucht es dafür starke Singdarstellerinnen, Erl hat sie. Veronique Gens ist eine hoheitsvoll gebrochene Cléopâtre mit schon gemasertem, umso authentischer klingendem Sopran. Der wunderbare Ausstatter Antony MacDonald hat dafür ein fensterloses Kellerverlies gebaut, das von ihrer Ausstrahlung fast gesprengt wird und die Regungen der Königin wie unterm Mikroskop vergrößert. Zwei stumme Dienerinnen sind noch dabei. Eine davon wird die tote Cléopâtre im Arm halten – so wie der Junge am Ende von „Suor Angelica“ seine Mutter, als umgekehrte Pietà gewissermaßen. Corinne Winters singt diese Titelrolle mehr auf Entäußerung, auch weil es etwas knapp wird in der Höhe. Als Charakterisierungskunst geht das dennoch durch.

Alice Coote ist als Fürstin, die Angelica die Todesnachricht überbringt, kein monströses Biest. Man hört und spürt, dass sich diese Frau mit ihrem abwehrenden Wesen nur panzert. Überhaupt sind alle Frauenrollen auf den Punkt besetzt. MacDonald lässt die Bühne im Dunkeln, man sieht sorgsam aufgereihte, stilisierte Nonnenzellen, auch Beichtstühle könnten das sein. Zwischenzeitlich werden Tische hereingetragen. Im Erler Festspielhaus gibt es kaum Bühnentechnik, MacDonald macht daraus eine Tugend.

Als Angelica im letzten Lebensmoment eine tröstende Vision vergönnt ist, fährt die Hinterwand nach oben. Licht flutet die Bühne. Und am Pult des Tiroler Festspielorchesters lässt Edward Gardner die Musik nicht triefen. Puccinis Partitur hat er zuvor behutsam angefasst (den Berlioz hätte man sich kantiger, offensiver vorstellen können). Nur an wenigen Stellen von „Suor Angelica“ darf das Ensemble von der Leine. Alles ist mit kundiger Übersicht entwickelt, pur und wahrhaftig. Eine (zu) seltene Sache: Im Graben gelten dieselben Tugenden wie auf der Bühne.MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

am 10. und 19. Juli; Infos zum Festival unter tiroler-festspiele.at.

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