Die zehn Gesichter des Rudi Carrell

von Redaktion

Zum 20. Todestag der niederländischen Fernsehlegende, die bis heute unvergessen ist

Ein Mann mit großem Talent, eiserner Disziplin – und auch einigen Abgründen: Der Niederländer Rudi Carrell, gebürtig Rudolph Wijbrand Kesselaar, war einer der beliebtesten Entertainer Deutschlands. © Hermann Wöstmann

Vor 20 Jahren, am 7. Juli 2006, starb Rudi Carrell, einer der erfolgreichsten Entertainer der Nachkriegszeit. Er wurde 71 Jahre alt. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist er auch heute noch unvergessen. Rudi war Rudi, ein Mann mit großem Talent, eiserner Disziplin – und auch einigen Abgründen.

Rudi, das Kriegskind

Rudi Carrell lernte die Deutschen zunächst von ihrer unangenehmsten Seite kennen – als Nazis. 1940 waren die Niederlande von Hitler-Deutschland überfallen und besetzt worden – eine Schreckensherrschaft begann. Rudis Eltern versteckten fast ein Jahr lang eine Jüdin, Tante Jo, auf dem Dachboden ihres Hauses in Alkmaar – dafür hätten sie selbst ins KZ kommen können.

Rudi, der Modernisierer

Nach dem Krieg ging Rudi Carrell – der eigentlich Rudolph Wijbrand Kesselaar hieß – bei seinem Vater, dem Alleinunterhalter Andries Kesselaar, in die Lehre, machte im niederländischen Fernsehen Karriere und kam 1965 nach Deutschland. Der holländische Schlaks mit den vorstehenden Zähnen und dem zerknautschten Gesicht änderte die deutsche Fernsehunterhaltung von Grund auf. Seine Samstagabend-Show „Am laufenden Band“ hatte in den 70er-Jahren bis zu 30 Millionen Zuschauer. Am Montagmorgen konnte man sich mit so ziemlich jedem Kollegen und Mitschüler darüber unterhalten – es gab kaum jemanden, der sie nicht gesehen hatte.

Rudi, der Choleriker

Rudi Carrell war alles andere als ein „lockerer Holländer“. Im Gegenteil, er selbst bezeichnete sich als klassischen Preußen. Damit meinte er seine Arbeitswut und Disziplin. Von seinem Stab erwartete er vollen Einsatz, regelmäßig riss ihm der Geduldsfaden. Seine Wutausbrüche waren so schlimm, dass das Aufnahmeteam von „Am laufenden Band“ einmal sogar in den Streik trat – wenige Tage vor der nächsten Show. Carrell selbst bekannte im Rückblick: „Ich war im Studio ein widerliches Arschloch.“

Rudi, der Kettenraucher

Rudi Carrell rauchte bis zu zwei Packungen Zigaretten am Tag. Sein Büro war immer verqualmt, der Aschenbecher quoll über. Die Ursache dafür: Stress. Alle Spiele für „Am laufenden Band“ wurden erst in der Woche davor erdacht und umgesetzt. Die Texte für Carrells Eröffnungslied wurden sogar manchmal erst Minuten vorher fertiggestellt. „Für mich war ,Am laufenden Band‘ die Hölle“, sagte er später.

Rudi, der Sänger

Rudi Carrell wurde besonders geliebt wegen seines weichen Akzents. Er machte auch immer Fehler im Deutschen, selbst als er schon seit Jahrzehnten hier wohnte. Doch das fand das Publikum charmant. Als Entertainer konnte er auch singen und landete mehrere Hits, der größte war „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ Thomas Woitkewitsch dichtete den Text 1975 auf die Melodie des US-Songs „City of New Orleans“.

Rudi, der Macho

Rudi Carrell starb elf Jahre vor Beginn der #MeToo-Bewegung im Jahr 2017. Sein Verhalten gegenüber Frauen würde heute kaum noch toleriert. Anzügliche Bemerkungen gehörten für ihn zum Umgangston, mitunter kniff er sogar in Brüste. Wenn es dann Ärger gab, war seine Standardausrede: „Man darf doch wohl mal einen Scherz machen!“ Seine Tochter Annemieke erzählte Carrells Biografen Jürgen Trimborn, die Emanzipation sei an ihrem Vater spurlos vorübergegangen.

Rudi, der Gutsherr

1975 kaufte sich Rudi Carrell ein altes Landgut bei Bremen, das in den darauffolgenden Jahren von seiner Frau Anke Bobbert aufwendig hergerichtet wurde. Diese Umbau- und Renovierungsmaßnahmen finanzierte er im Wesentlichen mit den Einnahmen aus seiner Werbekampagne für eine große deutsche Supermarktkette, weshalb er das Herrenhaus gern auch als „Casa Edeka“ bezeichnete. Carrell war auch eine Werbeikone.

Rudi, der Ruditollah

1981 kehrt Carrell nach einer längeren Pause mit „Rudis Tagesshow“ auf den Bildschirm zurück. Das Format, in dem kurze Ausschnitte aus Nachrichtenfilmen mit einem neuen Text versehen wurden, war höchst innovativ. 1987 löste die Comedyshow allerdings eine diplomatische Krise aus: In einer nur 14 Sekunden langen Bildmontage wurde der Eindruck erweckt, als wäre der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini von begeisterten Anhängerinnen mit Dessous beworfen worden. In Teheran demonstrierten daraufhin Tausende gegen den Frevel, zwei deutsche Diplomaten wurden ausgewiesen, und vorübergehend galt ein Landeverbot für deutsche Flugzeuge. Der „Stern“ zeigte Carrell auf seiner Titelseite als „Ruditollah“.

Rudi, das Lästermaul

Rudi Carrell war bekannt dafür, dass er gern über Kollegen herzog. Fast jeder kam mal dran. So bezeichnete er Dieter Bohlen als „Witzfigur“ und Harald Juhnke und Hans Rosenthal als „Arschkriecher“ gegenüber den Zuschauern. Zu den wenigen, die er immer nur lobte, gehörte Hape Kerkeling. Der nahm ihn seinerseits in Schutz: „Rudi hatte ja auch meistens recht mit dem, was er sagte“, führte er zu seiner Verteidigung an. Und: „Das liegt halt in seiner Natur – Holländer sind keine Duckmäuser.“

Rudi, die Legende

Rudi Carrell lebte für die Arbeit – und blieb bis zum Schluss ein Profi. Schon schwer von seiner Lungenkrebserkrankung gezeichnet, stark abgemagert und mit kaum noch wiedererkennbarer Stimme nahm er 2006 in Berlin den Ehrenpreis der Goldenen Kamera entgegen. „Es war eine Ehre, in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen“, sagte er. Mit nicht enden wollenden Ovationen wurde er vom Publikum verabschiedet.CHRISTOPH DRIESSEN

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