Die Glanzquelle des Abends: Solistin Nikola Hillebrand.
„Singen mit Sir Simon“ heißt das Projekt des Bayerischen Rundfunks. 201 Chöre mit 8300 Sängern hatten sich beworben, zwölf wurden am Ende für das Konzert ausgewählt. © Astrid Ackermann (3)
Eine Raubtiernummer steht an diesem Abend im Circus Krone nicht auf dem Programm. Für Tiere sorgt stattdessen Aaron Copland: Im letzten Lied seiner „Old American Songs“ lässt der Chor Kühe muhen, Enten quaken, Katzen miauen. Die Musizierfreude in 600 strahlenden Chorgesichtern überträgt sich sofort; schon vor dem Konzert wird überall gewunken, der Krone wirkt wie ein großes musikalisches Familienfest.
„Singen mit Sir Simon“ heißt das BR-Projekt: 201 Chöre mit 8300 Sängern hatten sich beworben, zwölf wurden ausgewählt, um mit BR-Chor und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) zu musizieren. Nun stehen rund 600 Sänger im Krone, darunter 200 Kinder und Jugendliche. Vorn das Orchester, dahinter der Chorhalbkreis – kein wendiger Apparat, sondern ein Klangtanker. Rattle steuert mit harter Hand, nichts wedelt ins Ungefähre, und doch ist ihm seine freundliche Zugewandtheit zu den Sängern in jedem Takt anzumerken.
600 Gesichter strahlen große Freude am Musizieren aus
Coplands erster Liederband erweist sich als Glücksfall: Volksliedton, trockenes Vergnügen, in „Long Time Ago“ plötzlich weiter Atem. John Brancy singt mit robustem, stählernem Bariton, in der Mittellage streckenweise etwas eng, doch tragend. Judith Weirs „Storm“ danach wirkt blass, verharrt in mittleren Dynamiken und wird zur Geduldsprobe – Chimes im Disney-Ton helfen da ebenso wenig wie eine Trillerpfeife. Dem vorzüglichen Kinderchor hätte man ein stärkeres Stück gewünscht.
Bei Vaughan Williams’ „Serenade to Music“ liegt das Problem feiner: Das BRSO spielt diese englische Romantik von bestechend ausgeleuchteter Sauberkeit, doch Rattle bleibt sehr britisch – höflich, nobel, fast zu korrekt. Diese Liebesnacht dürfte vielleicht ein wenig mehr schwelgen, etwas mehr Duft und klangliche Sinnlichkeit entfalten. Nach der Pause die „Carmina Burana“. Orff im Circus Krone mit Massenchor: „O Fortuna“ trifft mit brutaler Durchschlagskraft, körperlich spürbar. Rattle nimmt das Meisterwerk des Münchners zügig und geht schon bei „statu variabilis“ attackierend nach vorn statt ins gewohnte Ritardando. Der Männerchor deklamiert exzellent, große Unisoni bleiben geschlossen; nur „uf dem Anger“ gerät manches womöglich etwas vertikal. Insgesamt aber bleibt die Balance zwischen Präzision und Wucht beeindruckend.
Sunnyboy Dladla gibt einen eindrücklichen Schwan mit hell fokussierter, an gestählten Rossini erinnernder Höhe. Brancys Bariton reicht vom Mönchischen bis ins Hochdramatische. Die Glanzquelle des Abends aber ist Nikola Hillebrand: in der Höhe hellklar und dennoch substanzvoll, ohne jede tremolierende Trübung, in der Mitte auffallend warm. Scheinbar mühelos spannt sie in „Dulcissime“ den Bogen bis zum hohen D und bewahrt dabei stets die Kontrolle über die Linie.
Das folgende „Ave formosissima“ gerät zum Höhepunkt: bombastisch sakral und doch ganz in Orffs Welt von Begehren und Venus. Unten lässt Rattle Celli, Kontrabässe und Tuba den Klang betonieren, darüber wächst die schiere Betörung. Wenn im abschließenden „O Fortuna“ der Kinderchor hinzutritt, erfährt die Wucht eine letzte Zündstufe. Der Abend ist ein Erlebnis: als Orff-Heimspiel, als Chorgewalt, vor allem als großes gemeinsames Musizieren.WILLI PATZELT