Erstaunlich fit geblieben sind die Sex Pistols. © Tollwood
No Future! Als die Sex Pistols 1976 dies der Welt entgegenbrüllten, hätten sie sich wohl nicht träumen lassen, dass sie im Rentenalter noch immer auf der Bühne stehen würden. Fünf Jahrzehnte später jubeln ihnen die ebenfalls in die Jahre gekommenen Fans im Tollwood-Zelt zu, ihre Pistols-T-Shirts spannen am Bauch, die einst bunt gefärbten Haare sind grau. Beim 50-Jahre-Punk-Fest fühlen sich alle wieder jung – vor allem, weil die drei 70-jährigen Herren auf der Bühne erstaunlich fit geblieben sind. Gitarrist Steve Jones, Bassist Glen Matlock und Schlagzeuger Paul Cook legen mitreißende Soli hin, die all die Vorurteile widerlegen, Punks seien Rocker, die ihre Instrumente nicht beherrschen. Sicher, die Wut der 1970-er auf Gott, Plattenlabels wie EMI und die Welt ist verraucht. Geblieben ist der Fun-Faktor des Punk – was vor allem Frank Carter zu verdanken ist, der zuvor bei den Gallows und den Rattlesnakes gespielt hatte.
Carter ersetzt den mit den Rest-Pistols im öffentlichen Dauerstreit liegenden Frontmann Johnny Rotten alias John Lydon. Aber der 42-Jährige ist weit mehr als der Pfleger einer Rentner-Band. Er ist eine Rampensau, die sich kopfüber in die Arme des Publikums stürzt und auch noch auf den Stützpfeilern des Tollwood-Zelts herumklettert. Ziemlich souverän ist auch, dass Carter mit einem „Motörhead“-T-Shirt auf die Bühne geht. Er bringt die alten Songs aus dem legendären Album „Never Mind the Bollocks“ so frisch, als seien sie heute geschrieben worden: „My Way“, „Problems“, „No Fun“ – und natürlich das schon zum Einzug als Pistols-Hymne erklingende „God Save the Queen“.
Die erste Hälfte dieser Goldenen-Punk-Hochzeit bestreiten The Damned, die eigentlichen Pioniere des britischen Punk, da sie fünf Wochen vor „Anarchy in the U.K.“ der Sex Pistols im Oktober 1976 die erste Punk-Single veröffentlicht hatten. Sänger Dave Vanian ist ein anderer Typ als der Springteufel Carter, sein Gothic Rock melodischer und düsterer. Deshalb herrscht im Tollwood-Zelt bei Songs wie der Coverversion des 60er-Jahre-Hits „Eloise“ noch keine Partystimmung. Leider endet die Party nach nur einer Stunde ziemlich abrupt – keine Zugabe, keine großen Abschieds-Verbeugungen. Aber auch das ist halt Punk: Sich nicht um Konzert-Konventionen zu scheren…KLAUS RIMPEL