Ein wahnwitziger Ritt

von Redaktion

Die Toten Hosen bringen das Olympiagelände zum Beben

Spielten 180 Minuten für die Münchner im Olympiagelände: Die „Toten Hosen“ mit Gitarrist Breiti, Gitarrist Kuddel und Bassist Andi (v.li.) auf der Bühne.

Auf dem Hans-Jochen-Vogel-Platz: Campino singt und tausende Fans jubeln. © Martin Hangen/hangenFoto

Der „Mount Hosen“ wird so schnell keine Berühmtheit erlangen. Der seit den Menschenmassen bei Taylor Swift als „Mount Swiftie“ bekannt gewordene Olympiaberg hat zwar am frühen Abend einige Zuhörer gefunden, aber einen Ansturm auf die kostenlosen Plätze, wie bei Taylor Swift, gibt es nicht. Hosen-Sänger Campino zeigt sich trotzdem erfreut über die zahlreichen Fans auf dem Berg: „Ihr seid alle willkommen, egal ob innerhalb des Zauns oder außerhalb des Zauns!“

Auf ihrer Abschiedstour haben sich die Toten Hosen für zwei Konzerte auf dem Hans-Jochen-Vogel-Platz entschieden. Die unter anderem für ihren Schmäh-Song „Bayern“ bekannten Düsseldorfer hätten auch die Allianz Arena gefüllt, auf die wegen der Sanierung des Olympiastadions viele Bands ausweichen. Vielleicht spielte die Abneigung der Toten Hosen gegen den dort beheimateten Fußballverein eine Rolle. Die Entscheidung für den ehemaligen Coubertinplatz ist auf jeden Fall eine gute Idee, denn bereits nachmittags herrscht im gesamten Olympiapark Festivalstimmung.

Viele der rund 19.000 Fans haben es sich auf dem kleinen Hügel vor der Olympiaschwimmhalle gemütlich gemacht und beobachten, wie die Toten Hosen die Bühne entern: „Dürfen wir uns kurz vorstellen?“, brüllt Campino ins Mikro. „Wir sind die Jungs von der Opel-Gang!“ Was folgt, ist ein wahnwitziger Ritt durch die bald 45-jährige Bandgeschichte.

Wie ein Derwisch fegt Campino von einer Seite der Bühne zur anderen. Auch stimmlich ist er top in Form, sei es rasender Punkgesang wie in „Opel-Gang“ oder der gereifte Alternative-Rock von „Die Show muss weitergehen“. Von Alterserscheinungen ist auch bei den Bandkollegen keine Spur zu erkennen, vielmehr schwappt die Spielfreude der Punk-Rocker sofort aufs Publikum über. Dazu tragen die Entertainer-Qualitäten von Campino bei, der immer wieder alle ins Boot holt: „Und jetzt wollen wir die berühmten Münchner Domspatzen hören, auch auf dem scheiß Hügel!“ Der Klassiker „Liebeslied“ erschallt daraufhin als Chor über den Olympiasee. Generell zeigen sich immer wieder die Stärken im Songwriting der Hosen, die neben ihren eingängigen Mitgröl-Hymnen auch politisch anspruchsvolle Nummern wie „Willkommen in Deutschland“ zur Asyl-Thematik im Repertoire haben.

180 Minuten voller Leidenschaft, Witz und Gänsehaut bieten die Hosen ihren Fans. Ihr letztes Gastspiel in München wird es vermutlich nicht sein, denn mindestens eine Akustik-Tour spukt angeblich noch in den Köpfen der Band. Ganze drei Mal verlassen die Düsseldorfer die Bühne, nur um dann lauthals bejubelte Zugaben zu spielen. Darunter ist das starke Alphaville-Cover von „Forever Young“, das die Toten Hosen bestens beschreibt, die immer wieder in einen Jungbrunnen zu fallen scheinen.

Campino vergisst kurz einmal den Text

Lediglich bei „Zehn kleine Jägermeister“ gibt es einen kleinen Patzer, denn Campino vergisst eine Zeile. Souverän improvisiert er und stellt hinterher lachend fest: „Ich verzähle mich jedes Mal, zehn sind echt viel, da kommt man schon mal durcheinander.“

Zum krönenden Abschluss liegen sich bei „You‘ll never walk alone“ alle schunkelnd in den Armen. Vom Olympiaberg aus erleuchtet ein Lichtermeer aus hin- und herschwenkenden Handylichtern den Münchner Nachthimmel. Der „Mount Hosen“ hat seine Feuertaufe dann doch noch bestanden.MICHAEL HELLSTERN

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