Ihre Sprache versteht jeder

von Redaktion

Die Rolling Stones veröffentlichen „Foreign Tongues“ – mit Spitzen gegen Musk und Trump

Sprechen Sie Rock? (v. li.) Ronnie Wood (79), Mick Jagger und Keith Richards (beide 82) bei der Vorstellung von „Foreign Tongues“. © IMAGO/Everett Collection

Wir haben es uns ja schon gedacht. Aber spätestens beim vierten Lied von „Foreign Tongues“ singt Mick Jagger es selbst – ach was: Der 82-Jährige spuckt die Worte von „Mr. Charm“ wie ein junger Rock-Gott. „Life’s too short for just making Money!“ Das Leben ist zu kurz, um nur ans Geldverdienen zu denken. Das kann man als Tirade gegen egomanische Multimilliardäre wie „mad Mogul Mr. Musk“ lesen, dem Jagger hier direkt vors Schienbein tritt. Man kann es aber durchaus auch so verstehen: Die Rolling Stones haben es finanziell nicht nötig, neue Musik rauszubringen. Sie tun es, weil sie es noch können. Wahrscheinlich aus Narzissmus. Vor allem aber: aus Spaß.

Dieser Spaß springt einen mit jeder Note dieser 14 Songs an. Und allen, die zweifeln, ob ein 25. Studioalbum der berühmtesten, langlebigsten Rockband aller Zeiten überhaupt noch etwas taugen kann: Ja, tut es. Es ist sogar richtig gut geworden.

Natürlich kocht hier jeder Song mit den altbekannten Zutaten, die den Fans am besten schmecken. Aber er kocht. Oder anders: „Foreign Tongues“ bedeutet zwar Fremdsprachen – aber hier ist nichts fremdartig. Und das geht auch gar nicht. Die Rolling Stones haben die Sprache der Rockmusik zwar nicht erfunden. Dafür aber die komplette Grammatik. Und am besten gehen ihnen eben die guten alten Geschichten über die Zunge.

Kein Wunder also, dass man wieder fröhlich nach Querverweisen suchen kann. Der dreckige Bluesrocker („Rough and twisted“), das soulige Beziehungsdrama („Jealous Lover“ – Jaggers Falsett spottet jedem Alterungsprozess), die whiskeytriefende Country-Ballade („Ringing hollow“ mit dem Drogen-Witz „Pass round the Fanta, pass round the Coke“), der Flirt mit der funky Disco („Never wanna lose you“), der Protopunk („Hit me in the Head“). Und natürlich: der eine Song, den Keith Richards singt („Some of us“) und der zeigt, dass nicht nur Jaggers Gockeleien noch immer klingen wie in jungen Jahren, sondern dass auch der Soul-Brother der Band noch gut bei Stimme ist.

Doch das hier ist keine nostalgische Butterfahrt. Es ist ein zeitgenössisches Rockalbum. Grund dafür ist sicherlich Andrew Watt. Der Produzent hat sich zu einer Art inoffiziellem Bandmitglied gemausert, das die Dinge erkennbar leitet. Er weiß, wie die klassischen Stones zu klingen haben, manchmal schielt sein druckvoller Sound aber auch auf die Pop-Charts. Das funktioniert wunderbar bei der sommerlichen zweiten Single „In the Stars“. Ein wenig übertreibt er’s aber bei „Divine Intervention“ – der Refrain klingt, als habe man die KI mit der Unmöglichkeit beauftragt, einen Zwitter aus Stones und Coldplay zu generieren.

Neulich sagte Gitarrist Ronnie Wood, dass die Stones immer noch seien wie kleine Kinder. Wenn man sie ins Studio setze, gehe es zu wie im Sandkasten – alle seien heiß drauf, zu spielen. Und sie lassen auch andere an die Förmchen: Paul McCartney etwa schaute für „Covered in you“ vorbei und spielte Bass. Eine Besonderheit: Auch einen relativ jungen Fremd-Song haben sie im Gepäck. „You know I‘m no good“ von Amy Winehouse passt Jagger wie angegossen. Er kennt halt die Grammatik.

Etwas zu sagen haben die Stones immer noch: „Ringing hollow“ wirkt zunächst wie ziemlich perfekter Gram-Parsons-Gedächtnis-Country, bis klar wird, dass Jagger und Richards im Chor da keiner Frau hinterhersinnieren, sondern den guten alten USA, wie sie mal waren. Die Uhr lasse sich nicht zurückdrehen, singen sie: „Lady Liberty sieht nicht gut aus, wenn sie die Stirn runzelt.“ Und offensichtlich an Donald Trump gerichtet: „Es gibt immer einen König, der ihre Krone nehmen will.“ Es ist der beeindruckenste Song hier.

Jetzt haben wir gedacht, die Rolling Stones hätten mit „Hackney Diamonds“ schon ein imposantes Abschiedswerk vorgelegt, und nun ist „Foreign Tongues“ noch besser. Wie beim Vorgänger beenden sie den Reigen mit einem Blick zurück zu einem von denen, die die Sprache des Rock erfunden haben: Sie spielen Chuck Berrys „Beautiful Delilah“, das sie vor gut 60 Jahren schon live im Programm hatten. Das Beste ist: Nachdem sie Konzertpläne zuletzt immer ausgeschlossen hatten, kann sich jetzt sogar Keith Richards vorstellen, Konzertreihen an einem bestimmten Ort zu spielen: „Egal wo – in London, New York, Paris oder sonst wo. Ich spiele auch in Rom“, sagte er. Auch da wird jeder seine Sprache verstehen.JOHANNES LÖHR

The Rolling Stones:

„Foreign Tongues“ (Universal).

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