Sir Simon Rattle mit Pianist Kirill Gerstein. © Marcus Schlaf
Fantastische Kulisse: Am Samstag gastierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf dem Odeonsplatz.
25 Jahre „Klassik am Odeonsplatz“, das ist definitiv ein Grund zum Feiern. Und weil das zur lieb gewonnenen Tradition gewordene Event dieses Mal noch mit dem 250. Unabhängigkeits-Jubiläum der USA zusammenfiel, setzte das BR-Symphonieorchester mit Gershwin pur passenderweise auf durch und durch amerikanische Klänge. Ein munter zwischen den Genres balancierendes Programm, ganz nach der Kragenweite von Chefdirigent Simon Rattle.
Mit Ausschnitten aus „Porgy and Bess“ oder dem spritzig servierten „American in Paris“ erlebte man da den Opern-Komponisten Gershwin ebenso wie den Sinfoniker. Inklusive eines kleinen Abstechers an den Broadway. Wobei die als Zugabe präsentierte Ouvertüre zu „Strike Up the Band“ clever gewählt war. Geht es in dem Musical von 1927 doch um einen US-Präsidenten, der mit Strafzöllen auf Schweizer Käse-Importe einen transatlantischen Handelskrieg provoziert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ebenso wie beim Auftaktstück aus der ähnlich schwarzhumorigen Politsatire „Let ‘Em Eat Cake“, deren Titel vom berüchtigten Marie-Antoinette-Zitat inspiriert wurde: „Das Volk hat kein Brot? Soll es doch Kuchen essen.“
So volksnah, so humorvoll und so relaxt wie in dieser Saison hat man das BRSO lange nicht mehr erlebt. Und das war gut so. Gerade für die Herren des Orchesters, die angesichts der Temperaturen endlich mal den Frack zu Hause im Schrank lassen durften. Schließlich war in modischer Hinsicht ja auch im Publikum alles erlaubt. Von Politik und anderer Prominenz in Anzug und Abendkleid bis hin zu den entspannteren Münchner Musikfans, die sich mit Cargo-Shorts und Sonnenhut dem Wetter angepasst hatten.
„Klassik am Odeonsplatz“ versteht sich seit einem Vierteljahrhundert als „Klassik für alle!“. Und da darf es auch bei den auftretenden Stars gern mal etwas menscheln. So wie bei Rattle, der sein Erscheinen auf der After-Show-Party an das Bereitstellen eines Fernsehers geknüpft hatte, um gemeinsam mit anderen Fußballbegeisterten das Spiel England gegen Norwegen zu verfolgen. Oder beim Philharmoniker-Chefdirigenten Lahav Shani, der vor seinem eigenen Einsatz am Sonntagabend hier schon mal die Chance nutzte, um mit Nachwuchs auf dem Arm dem Kollegen zuzuhören.
Gemeinsam mit rund 7000 Musikbegeisterten und weiteren Zaungästen, die im Hofgarten lauschten, erlebte er da nicht nur, wie die exzellenten Bläser des BRSO unter der swingenden Leitung von Sir Simon ihre jazzige Ader entdeckten, sondern vor allem einen sensationellen Auftritt von Pianist Kirill Gerstein. Technisch brillant und ohne den geringsten Anflug von Ego. Denn als leidenschaftlicher Kammermusiker wusste Gerstein auch hier stets genau ins Orchester hineinzuhören und spontan auf die von dort kommenden Impulse zu reagieren. Spätestens da begannen auch beim letzten Anzugträger die Schultern zu swingen und die Beine zu wippen.TOBIAS HELL