Tollwood-Urgesteine: Gerhard Polt (o.) und die Well-Brüder geben sich ein letztes Mal die Ehre. © Alex Scharf
Gerhard Polt (84) und die drei Well-Brüder tun alles, um keine Wehmut aufkommen zu lassen – vergebens. Sie ist mit Händen zu greifen an diesem denkwürdigen Sonntagabend. Denn die Kabarett-Olympier verabschieden sich auf dem Tollwood offiziell von der großen Münchner Live-Bühne (inoffiziell treten sie noch mal am heutigen Dienstag auf, weil sie für den erkrankten Haindling einspringen).
Polt und die damalige Biermösl Blosn gehören zum Fundament des Festivals. Hier traten sie 1988 bei der Eröffnung auf, die genauso denkwürdig war. Kleinkunst-Impresario Uwe Kleinschmidt hatte kurz vor Beginn erst im Wald die Stangen für das Zelt schlagen lassen. Sie hielten die Last nicht aus – als ein Gewitter aufkam, brachen sie kurz vor dem Auftritt zusammen. „Wir haben’s überlebt“, ruft Michael Well lapidar in die von Gelächter erfüllte, ausverkaufte und sehr stabile Tollwood-Music-Arena.
„Apropos“ heißt das Programm, und es ist eine Revue vergangener Großtaten, die längst bayerische Humorgeschichte sind. Polt lässt noch einmal viele der Figuren aufmarschieren, die man so liebt: den entnervten Provinzfürsten, der seufzt: „So geht’s ned weida!“ Und damit letztlich nur meint, dass seine Garage mittlerweile zu klein ist für seinen 7er-BMW. Den „Demokraten“, der sagt: „Jeder hat das Recht, sich der Mehrheit anzuschließen.“ Den Banausen, der vor der denkmalgeschützten Barockkirche steht und sich über die teure „Erblast“ beschwert: „Wir hinterlassen nix – das find ich hochanständig.“ Und den zugezogenen Göttinger Schnösel Dr. Arnulf Schmitz-Zceisczyk, der sich „am Tejernsee dahoam“ fühlt, auch wenn die Einheimischen tendenziell nerven.
Stofferl, Michael und Karl Well stehen dem in nichts nach: Sie bringen ihren Klassiker von Georg Friedrich Händel, dem auf der Reise von Wien nach London in ihrem Heimatort Hausen die Postkutsche im Kreisverkehr verreckte und der daraufhin dortselbst die „Feuerwehr-Symphonie“ schrieb. Mit Satzüberschriften wie „Abschreiten der Feuerwehr-Ehrenlegion durch den Kreisbrandmeister, Tanz der 70 Feuerwehr-Ehrenjungfrauen um die Fahnenmutter herum und Enthüllung des neuen Löschzugs durch Miss Feuerwehr 2011“. Und sie zeigen noch einmal ihre unbeschreibliche Musikalität, allen voran Stofferl, der von Bachtrompete und Harfe über Querflöte und Geige bis zu Okarina und Ukulele so ziemlich jedes Instrument virtuos beherrscht.
Aber, ach: „Mir wern ned jünger – ihr aa ned“, sagt Michael Well. Recht hat er. Das Haupthaar ist weiß geworden und Polt hager. Seine Joppe füllt er nicht mehr so barock aus wie früher, und die Stimme haucht heiser. Aber man täusche sich nicht: Das macht manche Figuren nur noch abgründiger in ihrer vordergründig-milden Gemütlichkeit, die eine unbarmherzige Härte nur leidlich kaschiert. Merke: „Wenn ein Nichtschwimmer dasauft, dann ist das im Grunde nicht tragisch – es ist konsequent.“
Sie mögen älter geworden sein – ihr Humor ist es nicht. Er ist anarchisch und rotzfrech wie eh und je, mit ungebrochener Lust am Stilbruch: Wer sonst könnte in einer Zeile die Fußballer des TSV 1860 für deren Viertklassigkeit verspotten und zugleich über „Hoeneß‘ Hurensöhne“ herziehen (sich also den Stadion-Schmäh von Sechzger-Fans aneignen)? Die große Leistung des Quartetts, Hochkultur, Kleinkunst und Dorfwirtschaft als eins zu begreifen, tritt hier nochmals deutlich zutage. Die Watschen für Söder, Aiwanger und Wirtschaftsministerin Reiche knallen saftig, während Polt Trump persifliert („They are eating the Dogs!“) und Michael McWell am Ende sogar noch einen schottischen „Riverdance“ aufs Parkett legt.
Nach der laufenden Tour, so hört man, wollen die vier kürzer treten. Man vermisst sie jetzt schon. „Ja liabe Leit, es hot uns gfreit“, reimt Stofferl Well im letzten Gstanzl. „Und i sog eich aa, warum: Mia ham ja wirklich schon öfter in Minga umanander-gspuit – aber Ihr warts mit Abstand des lustigste, des pfiffigste, des intelligenteste, des toleranteste, des musikalischste und des am schönsten angezogenste Publikum.“ Wer da keine Lach- und sonstigen Tränen verdrückt, dem ist nicht zu helfen.JOHANNES LÖHR