Yin und Yang – musikalisch gesehen: Joss Stone und Emeli Sandé. © Alexander Scharf
Am Ende, nachdem Joss Stone 85 Minuten lang Licht und gute Laune ins gut gefüllte Tollwood-Zelt gebracht hat, verteilt sie passenderweise Sonnenblumen. Ein Konzert ist die gemeinsame Leistung von Vortragenden und Publikum, so sieht es Stone, die ebenso unermüdlich wie leichtfüßig die Menschen einbezieht in ihre Powersoul-Revue. Die Frau – wie immer barfüßig – steigt von der Bühne, um mit den Fans „Super Duper Love“ zu singen, und lässt sich später noch die deutsche Übersetzung zu „Mister Wankerman“ zurufen, um einen ihrer Hits für das deutsche Auditorium zu „Wichserman“ anzupassen. Unbefangen spielt sie Coverversionen von Soulklassikern, eigene bekannte und unveröffentlichte Lieder.
Aus dem Fräuleinwunder ist eine Grande Dame des Retro-Soul geworden. Perfekt ergänzt wurde Stone zuvor von der anderen großen Sensation des neuen britischen Soul: Emeli Sandé, die sich eher dem bitteren Erbe dieses Stils verschrieben hat, lebensklug über Ignoranz, Benachteiligung und Behauptungswillen in einer schwierigen Welt singt und furchtlos ein Lied der düsteren Blues-Diva Nina Simone ins Repertoire nimmt. Stone und Sandé sind gewissermaßen das Yin und Yang dieser Gattung. Die lebensbejahende Gute-Laune-Explosion Stone und die Schmerzensfrau Sandé ergänzen sich so phänomenal, dass man sie eigentlich immer als Doppelpack erleben möchte.
Zwei außergewöhnliche Sängerinnen, die mit seltener Souveränität Musik nicht einfach nur spielen, sondern auf der Bühne leben, beide von exquisiten Musikern unterstützt. Stone räumt den beiden Sängerinnen und dem Sänger, die sie begleiten, auch folgerichtig Raum für Soli ein, was eine sehr feine Geste ist. Ein wunderbarer Abend, der mutmaßlich das Schnäppchen des diesjährigen Tollwood-Festivals war. Zwei hochklassige Konzerte für ein Ticket.ZORAN GOJIC