Vielseitig: Musikerin Laurie Anderson. © Martin Hangen
Seit ihrem ersten und einzigen Hit „O Superman“ 1981 ist Laurie Anderson ein popkulturelles Phänomen. Weder Pop- noch Avantgardemusikerin, keine Performancekünstlerin im herkömmlichen Sinn, auch Filmemacherin und Poetin möchte man sie nicht ohne Zögern nennen, obwohl sie all dies (auch) macht – das eigentliche Kunstwerk aber ist immer Laurie Anderson selbst. So auch bei ihrer Rückkehr nach Mün-chen, das für sie eine besondere Bedeutung hat, lernte sie hier doch (beim legendären Art Projekt 92) Lou Reed kennen, der dann bis zu seinem Tod 2013 ihr Lebensgefährte war.
Thematische Klammer des „Republic of Love“ betitelten Abends ist der uramerikanische Nonkonformismus. Anderson beruft sich auf die großen Individualisten in Literatur und Musik – von William Burroughs und Gertrude Stein bis Bob Dylan und John Cage –, die sie zitiert, interpretiert und in deren Reihe sie sich selbstbewusst stellt. Zu ihrer radikalen Dekonstruktion von Dylans „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ läuft der auf alle acht Musiker verteilte Text in deutscher Übersetzung über die Leinwand hinter ihr. Überhaupt wechselt Anderson mehr als einmal ins Deutsche, verrät die drei goldenen Regeln, die sie und Reed sich für ihr Leben gegeben hatten und erzählt sogar einen Witz auf Deutsch („Kommt ein Skelett in eine Bar und sagt: Gib mir ein Bier – und einen Wischmob.“).
Ansonsten mokiert sie sich sarkastisch über den Demokratieabbau der US-Regierung (die Freiheitsstatue wird bei ihr zur „Statue of Bigotry“), erzählt Anekdoten und referiert buddhistische Weisheiten, wobei ihr Vortrag meist eher (sehr artikulierte und pointierte) Rezitation ist als (Sprech-)Gesang. Eigentlich kann die 79-Jährige nichts von dem, was sie macht, besonders gut: Sie hat wirklich keine große Stimme, ihre Fähigkeiten an der E-Violine, zu der sie gelegentlich greift, sind begrenzt – und doch zieht sie einen als Bühnenpersönlichkeit unwiderstehlich in ihren Bann. Wenn sie nach zwei Stunden das Publikum in der Isarphilharmonie zum kollektiven Tai-Chi animiert, hat man das Gefühl, einen ebenso abwechslungs- wie geistreichen Abend erlebt zu haben. O Superwoman, wie machst du das bloß?REINHOLD UNGER