UNSERE KURZKRITIKEN

Vererbter Schmerz

von Redaktion

Weil sie mit ihrem eigenen Leben und ihren Ängsten immer weniger klarkommt, versucht Mirabell, Studentin in Leipzig, die Biografien ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter seit den 1920er-Jahren zu rekonstruieren. Es gibt so viele ungesagte Dinge in ihrer Familie, so viel stummen Schmerz. Mirabell hofft auf Heilung durch Wahrheit. Sie enthüllt und benennt Vergewaltigung, Suizid, Gewalt in der Ehe, Depression, Angst und Lieblosigkeit. Pauline Hatschers Debütroman porträtiert behutsam vier Frauen in ihrer Zeit und erzählt abwechselnd aus deren Perspektiven. Im Hintergrund steht das Thema transgenerationale Traumatisierung, im Vordergrund das Elend, mit dem Patriarchat, religiöse Zwänge und gesellschaftliche Konventionen über Jahrzehnte Frauenleben beschwerten. Ob alles wirklich so war, wie sie es sich im Rückblick zusammenreimt, wird Mirabell nie erfahren. Aber dass es so hätte sein können, ist immerhin die halbe Wahrheit. Und die reicht für ihren Neuanfang.SL

Pauline Hatscher:

„Über vier Leben“, Eichborn, 352 S., 24 Euro.


★★★★☆ Lesenswert

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