Zauberreich ohne Magie

von Redaktion

Händels „Alcina“ enttäuscht bei den Münchner Opernfestspielen

John Holiday als Ritter Ruggiero. © Geoffroy Schied

Sie steht über den Dingen – allerdings nicht stimmlich: Jeanine De Bique als Alcina. © Geoffroy Schied

Die Blumen, die Vase, die Stühle, alles muss daran glauben. Zerdeppert, in die Ecke gefeuert, von der Galerie geworfen. Wenn diese Zauberin nicht bekommt, was sie will, im Regelfall einen Kerl, dann wird’s cholerisch. Es könnte ein Premieren-Beginn nach alter Hollywood-Regel sein – erst die Explosion, dann langsam steigern. Doch im Prinzregententheater wurde die zweite Hälfte vergessen: Nach Alcinas Anfall kommt kaum mehr was.

Sinnlichkeit wird hier nur behauptet

Georg Friedrich Händels Zauberinnen-Oper hat derzeit Konjunktur bis zur Überdosis. Nürnberg, Gärtnerplatz, Regensburg, alles bayerische Staatstheater, und das renommierteste von allen kürte „Alcina“ zur letzten Saisonpremiere, traditionell ist die bei Münchens Opernfestspielen nicht im Haupthaus. Nie kam Händel dem Seelenforscher Mozart näher als hier. Die feine Charakterzeichnung, die weise Tiefenschau, die Verbindung von Tragik mit bitterem Lächeln, die Dreidimensionalität vor allem der Titelfigur: Eine Zauberin ist das, die Männern gegenüber bis zum Äußersten geht. Doch zugleich eine versehrte Frau, für die Händels musikalisches Verständnis bis zur Rechtfertigung reicht.

Ihre Insel ist bei Regisseurin Johanna Wehner und Benjamin Schönecker (Bühne) ein hoher Salon, irgendwo in Afrika, vielleicht in einer Kolonie, Lateinamerika läge auch nahe. Nach der Pause spielt man „Nackt im Museum“, Akt Nummer drei wird zwischen männlichen Gold-Statuen verhandelt. Die sind Alcinas abgelegte und verzauberte Männer und werden, wir ahnen es sofort, lebendig. Das Personal (Kostüme: Ellen Hofmann) trägt blässliche Glitzerkleidung, irgendjemand hat da in den ESC-Fundus der Achtziger gegriffen.

Ein Setting, das die Löcher der Inszenierung nicht lange kaschiert: Zwei- bis zweieinhalb Ideen gibt es, ansonsten driftet diese „Alcina“ ins Halbkonzertante mit Ausstattung. Doch wo Händels Drama wie hier zur Musiknummern-Parade wird, bleibt nicht nur Hintergründiges auf der Strecke. Selbst Kenner verlieren schnell den Faden – obgleich das Stück, trotz Verwechslungsdramaturgie, weniger kompliziert ist als ähnliche Barockdramen.

Denn einen gibt es, Ritter Ruggiero, der es Alcina besonders angetan hat. Dessen Verlobte Bradamante will ihn zurück und versucht es undercover als verkleideter Mann – was bei den Damen für Hormonausschläge und Extra-Verwirrung mit Arien-Folgen sorgt. Von allen Liebesgeistern verlassen, erstarrt an diesem Abend Alcina selbst als Teil eines Gemäldes. Als ihr eigenes, bestes Museumsstück gewissermaßen.

Auf der Zielgeraden dieser Premiere lässt Jeanine De Bique für Augenblicke ihren einstigen Wundersopran widerhallen. Doch irgendetwas muss mit dieser idealen Barock- und Mozartstimme passiert sein: Ab der oberen Mittellage verhärten sich die Töne, alles klingt nicht mehr im Lot und technisch sicher gefasst, ins Timbre mischen sich Säurewerte. Um das zu kaschieren, flüchtet sich De Bique in Manierismen.

Überhaupt ist da ein Problem. Die Solo-Riege singt von Sinn und Sinnlichkeit, doch das bleibt Behauptung. John Holiday als Ruggiero ist ein Charakter-Counter, der sein Heil in robusten Ausbrüchen sucht. Avery Amereau wäre ideal fürs Barockfach, doch Bradamante liegt ihr eine Spur zu tief. Einzig Elsa Benoit (Morgana), besonders aber Julian Prégardien als Oronte sind exzellente Stilisten. Letzterer agiert weit über die bloße Bewältigung hinaus, scheint mit der Partie zu spielen – Timing, Nuancen und Agogik sind musterhaft.

Herausragend: Stefano Montanari

Ähnliches passiert im Graben. Stefano Montanari war vor drei Jahren mit einem willkürlich bis eitel gestalteten Mozart-„Figaro“ aufgefallen. Jetzt erweist er sich als idealer Händel-Dirigent. Intensität, kräftiger Farbauftrag, Expressivität, Glut, ein stetes Drängen, alles bei größtmöglicher Flexibilität und gelichtetem Klang, das ist ein Hörgenuss. Montanari liefert die Subtexte, die der Bühne fehlen. Musiziert wird auf Originalinstrumenten, das Staatsorchester hat sich ein paar Experten geleistet. Einst war Händel neben Wagner, Strauss und Mozart Münchens vierter Heiliger. Das Haus hat da viel zu verlieren, mit dieser „Alcina“ ist es passiert.MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

am 16., 18., 21., 25. und 29. Juli; staatsoper.de.

Artikel 9 von 11