Können wir Menschen einfach ertrinken lassen? Dürfen wir wegsehen, wenn Geflüchtete im Mittelmeer sterben? „Erst war da nur ein Gedanke. Ein Gedanke, der zum Gefühl wurde. Eines, das nicht mehr wegging“, heißt es in den ersten Szenen von „23.000 Leben“. Das Drama erzählt die wahre Geschichte einer Gruppe junger Helfer, die im Sommer 2015 ein Schiff kauften, um Leben zu retten. Auf dem Münchner Filmfest feierte der berührende Film Premiere, ab heute ist er auf Netflix zu sehen.
Naiv und unrealistisch, sei das Vorhaben, die Finanzplanung völlig unprofessionell. Da sind sich Banken und Hilfsorganisationen ausnahmsweise einig und bescheinigen Lukas – gespielt von Louis Hofmann – die reine Blauäugigkeit. Er arbeitet an der Supermarktkasse und ist noch in der privaten Findungsphase, als ihn das große „Wir schaffen das“-Gefühl übermannt. Er will nicht nur Lebensmittel in Flüchtlingsheimen verteilen, sondern da helfen, wo es um Leben und Tod geht. Gemeinsam mit Freunden gründet er die Initiative „Jugend rettet“, sammelt Geld, kauft ein Schiff und macht mit Hartnäckigkeit und Enthusiasmus die mangelnde Erfahrung wett. Auf dem Meer holt die ambitionierte Crew die Realität ein. Die Rettungsszenen im Film entwickeln eine enorme Wucht und sorgen immer wieder für Gänsehautmomente. Vor allem aber zeigen sie: Wer Leben rettet, verändert sich. Das Erlebte brennt sich tief ins emotionale Gedächtnis. Eine Rückkehr in die Normalität ist schwer, die Kluft zu denen, die diese Erfahrungen nicht teilen, wird größer.
Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg hat aus dramaturgischen Gründen aus einer Gruppe junger Kapitäne eine Hauptfigur, Lukas, gemacht. Der Rest aber sei nah an der Realität. „Alles, was sonst zu dieser Zeit geschehen ist, haben wir gemeinsam mit den tatsächlich beteiligten Personen genau rekonstruiert“, sagt er. Regisseur Markus Goller lässt in „23.000 Leben“ mit Mala Emde, Frederick Lau, Maria Dragus und Katharina Stark ein überzeugendes Ensemble antreten. Wo die Inszenierung bisweilen zu viel erklärt, sprechen die Bilder ohnehin für sich. Am Ende ist „23.000 Leben“ ein eindringlicher Film, der nicht nur bewegt, sondern auch dazu zwingt, über Verantwortung und Menschlichkeit nachzudenken.ASTRID KISTNER