Die diesjährigen Festspiel-Liederabende stehen unter keinem guten Stern. Am Montag hatte Jonas Kaufmann seinen Auftritt wenige Stunden vorher wegen ärztlich verordneter Stimmruhe abgesagt. Asmik Grigorian plagt seit Anfang vergangener Woche eine schwere Kehlkopfentzündung; eine Woche lang darf sie weder sprechen noch singen. Bis 24 Stunden vorher ist offen, ob sie auftritt. Aber sie singt – und vor dem ersten Ton schallt es durch den Saal: „We love you!“
Das Programm wird kurzfristig geändert, die Pause gestrichen. Pianist Lukas Geniušas sagt die Lieder an; nach jedem Gesangsblock spielt er solistisch, während Grigorian neben ihm Platz nimmt. Das hat etwas Improvisiertes, Privates – und zunächst viel Charme.
Grigorian zählt zu den aufregendsten Stimmen unserer Zeit. Doch man hört sofort, warum die Absage im Raum stand. Ihre dunkle Wärme, ja, das Lyrische ihrer Stimme ist da. Nach oben freilich öffnet sie sich nur widerwillig, die Intonation trübt sich auch in der Mittellage, manches kommt stark von unten, die Linie fließt weniger frei als gewohnt. Sicher: Nicht wenige wären froh, wenn ihre gesunde Stimme so klänge. An Grigorians eigenem Maßstab bleibt sie deutlich darunter.
Das Programm soll die Kräfte schonen. Auf Vokalisen von Ravel und Rachmaninow folgen Tschaikowsky-Romanzen, darunter ein inniges „Nur wer die Sehnsucht kennt“, später Strauss mit „Morgen!“, „Zueignung“, „September“ und „Im Abendrot“. Fast alles ist langsam, nach innen gekehrt. Aus jener Innigkeit wird irgendwann Bräsigkeit; besonders Strauss gerät so gedehnt, dass der musikalische Faden reißt.
Geniušas begleitet aufmerksam und gibt Acht, die angeschlagene Stimme nie mit Dezibel-Fluten aus der Bahn zu werfen, bleibt aber gerade bei Strauss zu monochrom. Und auch im Solistischen: Wirklich großformatig wird es nicht.
Nach knapp 70 Minuten steht das Publikum. Grigorian spricht von den Menschen hinter großen Namen, von Schwäche und Verletzlichkeit. Das ist ehrlich und hochsympathisch. Nur produziert das Aussprechen des Offensichtlichen am Ende jenen Edelkitsch, der dem Abend etwas von seiner Intimität nimmt. Gut dennoch, dass er nicht ungesungen blieb.WILLI PATZELT