Zauberhafte Spinnereien

von Redaktion

„Verwobene Welten“ von Tomás Saraceno im Haus der Kunst

Wie in einem Kokon fühlt man sich in den begehbaren Skulpturen des Argentiniers Tomás Saraceno im Haus der Kunst. © Agostino Osio

„Tomás Saraceno in collaboration – Verwobene Welten“ – und gleich zu Beginn des Pressegesprächs beweist der argentinische Künstler (Jahrgang 1973) im Münchner Haus der Kunst, dass dieser Ausstellungstitel punktgenau trifft: Er führt heiter, pragmatisch und flott vor, was „Zusammenarbeit“ und „Verwobenheit“ meinen. Da er als Einziger merkt, dass seine indigenen Begleiterinnen und Begleiter aus Nordargentinien zwar Spanisch verstehen, aber weder Deutsch noch Englisch, organisiert er innerhalb von einer Minute einen Dolmetscher und bugsiert ihn („Könnten Sie den Platz tauschen?“) neben Luisa und Miguel Casimiro sowie Iván Arjona Acoria vom Red-Atacama-Netzwerk.

Mit demselben Charme preist er die Zusammenarbeit der Kulturen, um für vielfältige „Zukünfte“ zu sorgen. Er lobt die Gemeinschaft der Ersteinwohner des Kontinents, insbesondere der Wüste, die ihn die Bedeutung von Wasser lehrten, und bricht leidenschaftlich eine Lanze für unsere Mitgeschöpfe, die Spinnen, die er verehrt. Und, was wichtig ist: Er betont, dass wir alle Spaß haben sollen mit seiner Kunst. Die haben wir, aber sie bietet noch viel mehr: ungläubiges Staunen, auratische Schönheit, Kuschel-Gemütlichkeit, Geruchs-„Gemälde“ für Hunde und eine Art Molekül-Modell-Bauwerk für Insekten, Vögel und Eichhörnchen auf der Terrasse mit Blick auf Garten und Eisbach.

Die Gaudi genießen die Besucher vor allem bei „Algo-r(h)i(y)thms“ (2026). Man darf sich nicht nur zwischen den Fäden einer Gespinst-Installation bewegen, sondern auch mit diesen Saiten spielen. Bei jedem Zupfen ertönt ein Klang, und wenn man gute Mitspieler hat (Stichwort: Zusammenarbeit!), dann kommt’s zur Jam-Session. Natürlich sind die menschengemachten Netze nicht so zauberfein wie die der Spinnen, die mittels Vibrationen wahrnehmen. Ihre Architekturen schweben als kostbare Prachtstücke in schwarzen Räumen mit gedimmtem Licht.

Luft ist neben Wasser ein Lebenselement, das Tomás Saraceno immer wieder thematisiert. Deswegen platzierten die Kuratorin Sarah Johanna Theurer und Haus-der-Kunst-Chef Andrea Lissoni das „Museo Aero Solar“ (2022) dominant in der riesigen Eingangshalle. Sie wird fast komplett von der gigantischen Blase aus Plastiktüten (Stichwort: Gemeinschaftsarbeit!) ausgefüllt. Einen Flugversuch soll es im Herbst geben.

Die Installation ist erst der Vorgeschmack auf das, was einen im noch riesigeren Ostflügel erwartet. „Towards the Sanctuary of Water“ (2026) entstand extra fürs Haus der Kunst als gigantisches Environment. Wir sind in der Fast-Finsternis bei Schöpfungsbeginn gelandet. Farben gibt es keine. Wir tasten uns vorsichtig voran, denn Wasser, Luft und Erde scheinen sich noch nicht getrennt zu haben. Spiegelungen verwirren. Mächtige, halb transparente, halb spiegelnde „Planeten“ bevölkern den Weltraum neben kleinen „Molekül“-Ballungen. Getöse über allem. Videos lösen die Wände auf. Lediglich gekritzelte Zeichnungen ironisieren ein wenig den imposanten Auftritt.

Handfest wird es schließlich im Nebenraum, in dem die Gruppe von Red Atacama aus Las Salinas Grandes im Hinblick aufs „Santuario del Agua“ über das fragile Zusammenspiel von Wasser und Salz informiert. Saraceno entwickelt dort mit den Einheimischen das faszinierende Landschaftskunstwerk „Heiligtum des Wassers“. Es feiert die Schönheit des Landes und vermindert zugleich die Schäden durch Lithium-Abbau. Unterstützt vom Haus der Kunst wird das „Santuario“ heuer im Herbst fertig und gehört dann den Red-Atacama-Gruppen.SIMONE DATTENBERGER

Bis 7. Februar 2027,

täglich außer Di., 10-20 Uhr; am letzten Freitag im Monat ist der Eintritt von 16-22 Uhr frei; Infos inklusive Programm unter hausderkunst.de.

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