Kaum jemand beherrscht die Kunst der Kurzgeschichte so virtuos wie T.C. Boyle. Der neue Erzählband des 77-jährigen US-Autors versammelt zwölf Storys, die mit scheinbar alltäglichen Situationen beginnen und unvermittelt ins Groteske, Bedrohliche oder Absurde kippen. Da verteidigt eine alleinerziehende Mutter ein Schmetterlingsschutzgebiet an der Grenze zu Mexiko, ein Drehbuchautor verliert sich in seiner eigenen Fiktion, andernorts fällt mitten im Juli Schnee oder Grönland gehört plötzlich zu Trumps Amerika. Boyle erzählt mit Witz, Tempo und scharfem Blick von Klimakrise, gesellschaftlicher Spaltung und menschlicher Hybris. Nicht jede Geschichte entfaltet dabei die Wucht früherer Erzählbände – die Messlatte liegt bei Boyle allerdings außergewöhnlich hoch. Umso mehr bleiben Texte wie der bitterböse Klimawandel-Albtraum „Kalter Sommer“ oder die dystopische Satire „2036“ im Gedächtnis. Boyle ist und bleibt einer der präzisesten Chronisten unserer Zeit.AKI
T. C. Boyle:
„Das Ende ist erst der Anfang“. Hanser, 240 S., 25 Euro.
★★★★☆ Lesenswert