Sein ältestes Baby: Seit 30 Jahren ist Till Hofmann Chef des Münchner Lustspielhauses. © Oliver Bodmer
Er studierte Romanistik, auch Physiotherapeut hätte er werden können, doch dann kam alles ganz anders. Heute ist Till Hofmann der Münchner Kleinkunstveranstalter, zu dessen Imperium unter anderen die Lach- und Schießgesellschaft, das Vereinsheim und die Konzertbühne Milla gehören. Der 55-jährige gebürtige Passauer bespielt darüber hinaus den Circus Krone und ist Mitgründer der Genossenschaft Bellevue Di Monaco, die sich unter anderem um Geflüchtete kümmert. Aber angefangen hat alles vor 30 Jahren mit der Übernahme des Lustspielhauses an der Occamstraße in Schwabing. Eine Bilanz.
Der Kabarettist Bruno Jonas hat Ihnen damals vorgeschlagen, die Geschäftsführung des Lustspielhauses zu übernehmen. Wie kam es dazu?
Ich hatte schon als Gymnasiast in Passau Veranstaltungen mit Bruno Jonas organisiert, später habe ich ihn als Techniker auf Tourneen begleitet, und wenn wir in München waren, sind wir nach den Vorstellungen öfter auf ein Bier hierhergekommen. Als Wolfgang Nöth, der das Lustspielhaus damals zusammen mit Bruno betrieben hat, aussteigen wollte, um sich um den Kunstpark Ost zu kümmern, hat Bruno, der auch aufhören wollte, mich gefragt, ob ich Pächter werden will. Da habe ich nicht lange überlegt.
Sie mussten innerhalb kürzester Zeit einen Spielplan erstellen…
Den gab es ja schon, ich habe nur erst einmal die Lücken gefüllt, wobei mir die Künstler sehr geholfen haben. Josef Hader beispielsweise, der damals so langsam überregional bekannt geworden ist, hat mir angeboten, sechs Wochen hintereinander an den schwächeren Tagen Sonntag bis Dienstag zu spielen, es gab Montagsserien mit Günter Grünwald, Django Asül oder Willy Astor. Auch Ottfried Fischer war sehr kooperativ, der hat tagsüber gedreht und abends bei uns gespielt. Außerdem haben wir von seiner „Schlachthof“-Sendung profitiert. Wenn Otti jemand dorthin eingeladen hat, wussten wir, dass bei dem- oder derjenigen hinterher auch bei uns der Saal voll wird. Hinzu kamen Sommerprogramme wie mit den Occams oder Konzerte wie mit der Spider Murphy Gang, sodass es schon nach einem Jahr richtig rundlief.
Wie würden Sie das Münchner Publikum beschreiben? Was geht gut, was geht gar nicht?
Wenn die Künstlerinnen und Künstler gut sind in dem, was sie machen, gibt es in München Publikum für alle Genres der Kleinkunst. Es leben ja auch nicht nur Einheimische hier, sondern Menschen aus ganz Deutschland. Und wenn beispielsweise Gerd Dudenhöffer spielt, dann kommt halt die saarländische Community Münchens.
Hat sich das Publikum in den 30 Jahren verändert? Ist es älter oder jünger geworden?
Das kann man nicht pauschal sagen. Kabarettpublikum ist in der Regel eher gesetzter, aber zu den „Anstalt“-Machern beispielsweise kommt auch viel junges Publikum. Oder zu Leuten wie Till Reiners, bei denen die Grenzen zwischen Kabarett und Comedy fließend sind. Und dann gibt es Phänomene aus dem Musikbereich wie die schon erwähnte Spider Murphy Gang, die mittlerweile drei Generationen begeistert.
Dürfen denn alle hier spielen, solange sie ein entsprechend großes Publikum haben? Oder gibt’s auch welche, die Sie nicht gerne da haben?
An wen denken Sie da?
Monika Gruber?
Hat früher hier schon gespielt.
Und heute?
Sie fragt nicht an, sie plant ihre Veranstaltungen in eigener Regie. Ich muss als Veranstalter nicht immer hundertprozentig mit dem einverstanden sein, was die Kabarettistinnen und Kabarettisten auf der Bühne sagen. Das wäre ja total langweilig. Ich halte Monika Gruber nach wie vor für eine der besten Komödiantinnen des Landes und würde mich natürlich freuen, wenn sie politisch ausgewogener wäre und sich lieber gegen Rechtsextremismus positionieren würde. Und wenn überhaupt Teile der Szene faktenbasierter und reflektierter wären. Es stimmt schon, dass sich die Szene analog zur Gesellschaft auseinanderentwickelt, vor allem seit Corona. Aber gutes Kabarett sollte in beide Blasen hineinspielen, die halblinke wie die halbrechte – und wie Dieter Hildebrandt sagte, nie nach unten treten.
Apropos Corona – die größte Krise in 30 Jahren? Die Lockdowns? Die strengen Auflagen für Besucherinnen und Besucher?
Nein. Als es damals losging, haben wir uns sofort zusammengesetzt und beschlossen: Sobald es wieder erlaubt ist, machen wir weiter! Und dann haben wir zwei mobile Bühnen angeschafft und unter freiem Himmel gespielt, im Innenhof des Deutschen Museums und im Garten der Seidlvilla. Wir sind mit dem Eulenspiegel Flying Circus auf Tournee gegangen und haben fast jedes Dorf im Bayerischen Wald bespielt. Wir hatten am Ende mehr Publikum als in normalen Zeiten.
Sie sind immer wieder auch selbst in kleinen Rollen zu sehen. Wären Sie doch gerne selbst Künstler geworden?
Nein, das ist nur Gaudi – aus einem gewissen Pragmatismus heraus. Wir hatten in der Lach- und Schießgesellschaft einmal zwei Silvestervorstellungen mit dem damaligen Ensemble. Und einer aus dem Quartett, Frank Smilgies, musste kurzfristig mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus. Wir konnten die Vorstellungen aber unmöglich absagen. Also habe ich mich mit dem Textbuch auf die Bühne gestellt und mitgespielt. Das war lustig. Aber fest steht, dass alle, die bei mir auftreten, talentierter sind als ich. (Lacht) Fast alle.