Bunter Fiebertraum

von Redaktion

Giuseppe Verdis „Un ballo in maschera“ beim Festival auf Gut Immling

Ein Bilderbuch-Riccardo ist Jenish Ysmanov (re.), hier zusammen mit Ekaterina Protsenko-Paulsson (Oscar, li.) und Guadalupe Barrientos (Ulrica). © Verena von Kerssenbrock

Die Mächtigen haben es nicht gern, wenn man ihnen den Spiegel vorhält. Das war schon zu Verdis Zeiten so. Ein Mordkomplott des Hofes gegen den schwedischen König Gustav II. zum Opernstoff zu machen, war damals quasi undenkbar. Selbst wenn das Libretto von „Un ballo in maschera“ auf Tatsachen beruhte. Und so wählte man auch beim Opernfestival auf Gut Immling die von der Zensur genehmigte Fassung, die das Geschehen nach Boston, ins politisch absolut unbedenkliche Amerika verlegt.

Bei Regisseurin Verena von Kerssenbrock beginnt das Maskenspiel dabei nicht erst im fatalen Schlussbild, sondern bereits in der ausinszenierten Ouvertüre. Gouverneur Riccardo darf da mit dem Modell eines gigantomanischen Triumphbogens spielen und einen tapsigen Siegestanz aufführen, von dessen Vorbild sich zuletzt unter anderem auch die belgische Fußballmannschaft inspirieren ließ. Ähnlichkeiten mit lebenden Staatsmännern sind natürlich rein zufällig. Vor allem, weil beim tenoralen Helden hier – im Gegensatz zu seinem orangefarbenen US-Doppelgänger – am Ende doch noch das Gewissen einsetzt und Riccardo die Affäre mit der Frau seines besten Freundes nach dem ersten leidenschaftlichen Duett sofort beendet.

Die Regisseurin muss da nicht groß den Holzhammer schwingen, sondern belässt es für diesen bunten Fiebertraum meist bei subtilen Andeutungen, um Brücken ins Heute zu schlagen: wenn Kostümbildnerin Lilli Hartmann etwa den Regenten in einen Königsmantel mit eingestickter Weltkarte hüllt und das Kleidungsstück später an seinen Attentäter weiterwandern lässt.

Hartmann und Kerssenbrock lieben es bunt. Das hat man bei diesem Duo in Immling schon öfter erlebt, und auch diesmal hatte die Schneiderei wieder ordentlich zu tun. Weil sich zwischen den historisch inspirierten Ball-Roben auch Zirkus-Personal, Fabelwesen und sogar der leibhaftige Tod selbst tummeln. Was die Bühne auch ein wenig überfrachtet.

Im Graben ist dieser „Maskenball“ dagegen ein delikates Kammerspiel, bei dem Cornelia von Kerssenbrock auf zarte Pastellfarben und dynamische Schattierungen setzt. Es gibt wenige Liebespaare, denen Verdi so viel gemeinsame Zeit zum Schmachten gönnt, wie Riccardo und Amelia. Und so wird die große nächtliche Begegnung der beiden auf dem Galgenberg zum Dreh- und Angelpunkt von Kerssenbrocks Interpretation.

Die Dirigentin lässt das Festspielorchester durchweg schlank und transparent musizieren und weiß auch den Chor wenn nötig einzubremsen. Was den plötzlichen Klangentladungen in den packenden Aktschlüssen zusätzliches Gewicht gibt. Vor allem aber werden die Sängerinnen und Sänger nie zum Forcieren gezwungen.

Jenish Ysmanov ist ein wahrer Bilderbuch-Riccardo. Ein Spinto-Tenor, der in Immling bereits mit Puccini und Mozart reüssierte und dem auch diesmal wieder ein beeindruckender Balanceakt gelingt. Mit sicherer Attacke in den großen Ensembles, die er mühelos überstrahlt. Aber eben auch mit der nötigen Sensibilität, wenn er von seiner Angebeteten träumt oder ihr glühende Liebesschwüre ins Ohr haucht. Aus robusterem Holz ist da sein Freund und späterer Widersacher Renato, hier gesungen von Harry Hukasian mit starker Präsenz.

Kompromisse machen muss man lediglich bei Joanna Zawartko. Eine Amelia mit Mezzo-Timbre, deren Stimme sich in der Mittellage gut entfaltet, in der Höhe aber zunehmend härter wird. Weshalb ihr die verletzlichen Seiten der Rolle glaubwürdiger gelingen als das dramatische Aufbegehren.

Eine wahre Naturgewalt ist dagegen Guadelupe Barrientos. Mit dunkel orgelnder Altstimme macht sie den Auftritt der Wahrsagerin Ulrica zu einem der Höhepunkte des Abends. Während Ekaterina Protsenko-Paulsson als Page Oscar mit zwitscherndem Koloratursopran für die heiteren Kontrastfarben sorgt. Da lohnt es sich sehr wohl, auch bei den Nebenrollen genau hinzuhören. Denn Entdeckungen gibt es in Immling immer wieder zu machen.TOBIAS HELL

Weitere Vorstellungen

am 26. Juli, 1., 8., 14. August; immling.de.

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