Kunst aus Algen und Pilzen

von Redaktion

Design-Duo Klarenbeek & Dros zeigt Möglichkeiten aus der Öko-Krise

Er wächst noch und wird befeuchtet: der Moos-Chair.

Kompostierbar: der Sessel „Manta“.

Kein Plastik, sondern Algen und Pilze sind die Grundlage für dieses Raumobjekt, entstanden in einem 3D-Drucker, zu sehen zur Zeit in der Neuen Sammlung. © Fotos: Klarenbeek & Dros

Vielleicht ist ihnen die Idee ja während des Essens gekommen. Denn aus dem, was andere beim Running Sushi als Beilage wegspachteln, machen zwei findige Holländer Alltagsgegenstände: Statt Kunststoff aus Erdöl zu verwenden, fabriziert das Designduo Klarenbeek & Dros eine Art recyclebares Bioplastik aus Algen und Pilzen! Die Design- und Materialpioniere haben einen Weg gefunden, diese Gewächse in „Filamente“, also eine Art Schnüre zu verwandeln, die von 3D-Druckern in Form gegossen werden. So entstehen dann etwa Sessel wie das schwungvolle Modell „Manta“, das an den gleichnamigen Rochen (und nicht den Opel!) erinnert.

Der Clou dabei: dieser Stuhl erfüllt die höchsten Anforderungen ökologischer Kreislaufwirtschaft, das heißt, er landet am Ende nicht im Sperrmüll, sondern auf dem Kompost. So wie all die anderen Möbelstücke, Vorhänge, Trinkgefäße und sogar Fassadenteile der beiden Niederländer Eric Klarenbeek und Maartje Dros, denen die Neue Sammlung, das Designmuseum in der Pinakothek der Moderne, jetzt die erste institutionelle Ausstellung widmet. „Design of the Unusual“ lautet der treffende Titel.

Wobei der Reiz all dieser ungewöhnlichen Designobjekte eben darin liegt, dass sie trotz ihrer herrlichen Verrücktheit zugleich ökologisch höchst vernünftig erscheinen – frei nach dem Motto: Zwischen Wahnwitz und Verstand ist nur eine dünne Wand. Besonders deutlich wird das an dem lebendigen grünen Moos-Stuhl von Klarenbeek & Dros. In Zeiten, da auch für Museen ohne Moos nix los ist, wirkt dieses Objekt fast wie ein Trostspender in den heiligen Ausstellungshallen. Damit es groß und stark wird, steht das bisher nur kindertaugliche Möbel allerdings in einer Art Gewächshaus-Vitrine, in die von oben Nähr-Nebel hineindunstet.

Was beim Weg vom Gemüse zum Design biochemisch-technisch genau passiert, erschließt sich, naturgemäß, nur Fachleuten, auch wenn in der Schau allerhand farbige Algensuppen anschaulich in ihren Glasballons vor sich hin blubbern wie in der Al(gen)chemistenküche. Uns Laien fällt bei manchen Myzel-Möbeln und -Wandreliefs hingegen der pilzig-fischige Geruch auf, den die Artefakte verströmen. Und während gerade dieser penetrante Mief manchen Ökofreaks den besonderen Kick geben mag, sind die nachwachsenden Trinkbecher, Weinkühler und Wandkacheln, die man gleichfalls bestaunen darf, zum Glück geruchsneutral.

Übrigens: Wer befürchtet, dass ihm als Besitzer eines Myzel-Stuhls irgendwann die Pilze unterm Po sprießen, kann beruhigt sein. Das „Ausblühen von Fruchtkörpern“ ist den beiden Möbelzüchtern nur anfangs einmal als Fehler unterlaufen, wie ein Foto dokumentiert. Andererseits wären Schwammerlsucher vielleicht ganz froh, plötzlich an ihrem Couchtisch ein paar Champignons zu finden. Und wer weiß: womöglich könnte man im Krisenfall die Produkte von Klarenbeek & Dros auch einfach verspeisen, wenn man sie lang genug kocht. Aber selbst falls das nicht klappt: die Ausstellung ist auch so kulinarisch genug.ALEXANDER ALTMANN

„Design of the Unusual“

Neue Sammlung, Pinakothek der Moderne, bis 10. Oktober. Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr.

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