Schriftsteller Heinz Strunk ist nicht verheiratet. Über die Ehe von Bertram und Isolde schreibt er dennoch als intimer Kenner großen Elends. © Dennis Dirksen
Ein neuer Strunk, wie wunderbar, denken die einen. Bitte was? Wer?, fragen die anderen. Ein Blick in seinen Wikipedia-Eintrag hilft: Heinz Strunk, der eigentlich Mathias Halfpape heißt und in Bevensen in der Lüneburger Heide geboren wurde, ist Schriftsteller, Musiker, Hörspielproduzent, Schauspieler, Regisseur und Satiriker. Vor allem aber ist der 64-Jährige ein Autor, der lustvoll auf die Sollbruchstellen bürgerlicher Existenzen blickt. Mit seinem neuen Roman „Memories of Heidelberg“ bleibt er seiner Linie treu und skizziert eine zerrüttete Ehe, die in der vermeintlichen Postkartenidylle der Neckarstadt zu eskalieren droht.
Bertram und Isolde – schon die Namen klingen nach einem Loriot-Sketch – reisen von Oldenburg nach Heidelberg, um den 80. Geburtstag von Isoldes Mutter zu feiern. Doch die liegt mit beidseitiger Nierenbeckenentzündung im Krankenhaus und wünscht keinen Besuch. Was für eine glückliche Fügung, denkt Bertram. Ein Kurzurlaub in der Kurpfalz ohne familiäre Verpflichtungen klingt verführerisch, entpuppt sich aber als Horrorszenario. Das verwaiste, sauteure Boutiquehotel – eine Enttäuschung. Das Restaurantschiff, das Isolde spontan zu ihrem Stamm-Italiener erklärt – eine zunehmend dubiose Spelunke. Eine stabile Beziehung könnte das ertragen. Doch von der sind Isolde und Bertram Lichtjahre entfernt. Ihre Ehe, das wird mit jeder Seite des Romans deutlicher, ist am Ende. Sie essen zu viel und reden zu wenig.
Seit sie sich „in einer Nacht vor Hunderten von Jahren“ sexuell voneinander verabschiedet haben, tröstet sich Bertram mit seiner Lieblingssüßigkeit Mandelintermezzo (Zuckermandeln, Schokolade, 567 Kalorien pro 100 Gramm) und Isolde mit eiskalter Verachtung. Zwischen den beiden herrscht eine Hassliebe, die gleichzeitig abstößt und verbindet. An jeder Kleinigkeit entzünden sich Streitigkeiten – bestenfalls. Öfter noch herrscht offenes Desinteresse und höfliches Schweigen. Erleichterung, wenn der eine dem anderen durch spontane Abwesenheit etwas Seelenfrieden gewährt.
Das klingt gnadenlos und ist es auch. Heinz Strunk nimmt die Beziehung ungerührt auseinander, schnitzt Dialoge aus Eis, beobachtet die kleinsten Demütigungen, alltägliche Grausamkeiten und überzeichnet diese Ehe mit böser Lust. Keine Frage: Bertram und Isolde sind Karikaturen – und dennoch erschreckend vertraut. In seine Übertreibungen streut Strunk – kinderlos, ledig und eingefleischter Junggeselle, wie es in seiner Biografie heißt – viele Körnchen Wahrheit. Sie scheuern beim Lesen.
„Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“, „Ein Sommer in Niendorf“, „Zauberberg 2“ – wer Heinz Strunk liest, darf keine Erlösung erwarten. Wenn sich der Hamburger mal in Rage geschrieben hat, gibt es kein Entkommen. Und so ist auch „Memories of Heidelberg“ ein brachiales Leseereignis – mal abstoßend, mal urkomisch. Eines, das sich hinter der wendungsarmen Geschichte einer monotonen Ehe versteckt. Bertram und Isolde sind Gewohnheitstiere – immer wieder Mandelintermezzo, immer wieder zum Italiener. Aus ihren Ritualen komponiert Strunk einen Rhythmus, der die Leser mitnimmt. Auf 172 Seiten spitzen sich die Ereignisse zu und entwickeln eine magische Sogwirkung. Keine leichte Sommerlektüre, aber große Unterhaltung.
Geduld ist gefragt: Heinz Strunk wird am 15. März 2027 seine Heimat Hamburg-Altona verlassen und im Münchner Volkstheater um 20 Uhr aus „Memories of Heidelberg“ lesen.ASTRID KISTNER
Heinz Strunk:
„Memories of Heidelberg“. Erschienen bei Rowohlt, 172 Seiten, 23 Euro. Heinz Strunk