Kneipp-Kur mit Verdi

von Redaktion

Premiere von „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen

Tanzeinlagen und Ausstattung dieser Seebühnen-Produktion erinnern an die Zwanzigerjahre. © Daniel Ammann

Marjukka Tepponen als todgeweihte Violetta. © Anja Koehler

Ein Beginn wie eine Revue: Diese „Traviata“ spielt auf und vor einem zerbrochenen Spiegel. Das Bühnenbild stammt von Paolo Fantin, die Regie besorgte Damiano Michieletto. © Anja Koehler

Weg mit den Krampfadern, keine schwächelnden Herzmuskeln mehr, ein ebenso erstarktes Immunsystem: Diese Solisten dürften pumperlg’sund aus der Sommersaison kommen. Zweistündiges Wassertreten, und dies über zwei Dutzend Mal, das zahlt nicht mal die Privatkasse. Und so waten Violetta, Alfredo, Giorgio und all die anderen beherzt durchs Becken, ein Infinity-Pool, ein See im Bodensee, der von der vorherigen Inszenierung übrig geblieben ist. Hydrotherapie in der Flachwasserzone: Ob Giuseppe Verdis „La traviata“, dieses intime Drama um eine zerbrechliche, todkranke Prostituierte, wirklich fürs Gigaformat der Seebühne taugt?

Zwischen Musical und Fernsehshow

Regisseur Damiano Michieletto scheint uns mindestens 60 der 120 Spielminuten zurufen zu wollen: Ja klar, natürlich, warum nicht! Die großen Chorszenen donnert er mit Choreograf Thomas Wilhelm zur Revue auf. Alles spielt in den Zwanzigerjahren. Damen (und Herren) tragen ausladenden Federkopfputz und dünne Kleidchen. Momente zwischen „Violetta – das Musical“ und TV-Show, selten war Bregenz dem Schwester-Festival Mörbisch so nahe. Trotz fast perfekter Soundanlage geht im Gewusel verloren, wer gerade mit dem Singen dran ist.

Die spätere Soiree, der Showdown zwischen Alfredo und Violetta, spielt im Etablissement mit sorgsam nachgepuzzelten Stehlampen und Vintage-Sesseln. Zwischendurch gibt es Parallelszenen und Rückblenden per Video (Roland Horvath). Der riesige zerbrochene Spiegel, den Bühnenbildner Paolo Fantin in den Bodensee gebaut hat, eignet sich ganz formidabel. Und doch bleibt alles ein Event mit Handbremse. Letztlich kann sich Michieletto dem Kammerspiel von „La traviata“ nicht verweigern – und stellt sich dem auch erfolgreich. Es sind die schlüssigsten Szenen.

Eine Wellenbewegung vollzieht sich da in Bregenz. Aufs Mega-Event mit „Rigoletto“ in der Regie Philipp Stölzls (2019) folgte eine subtile „Madame Butterfly“ (Andreas Homoki, 2022), bevor Stölzl mit dem „Freischütz“ 2024 erneut aufdrehte. Michieletto schaltet mit „Traviata“ zwei Gänge zurück. Die aufgischtenden Fontänen, die Tanznummern oder die riesige Kugel, die sich im letzten Bild gespenstisch aus dem kaputten Spiegel herausbewegt, als habe sich ein Magritte-Gemälde verselbstständigt, als laufe die Geschichte Violettas plötzlich rückwärts, all das kann nicht überblenden: Diese „Traviata“ ist kein Spektakel.

Am stärksten ist diese Neuproduktion, wenn alles weggeräumt ist. Wenn sich Violetta und Alfredo auf der Riesenbühne begegnen und ihre kaputte Beziehung ausleben. Michieletto folgt da einer alten Bregenzer Regie-Regel, die Kollege David Pountney seinerzeit perfektioniert hat: Je weiter die Menschen voneinander entfernt sind, desto größer die Spannung zwischen ihnen. Zumal Verdis Musik mit lyrischer Emphase tatsächlich ins Weite drängt. Der Himmel über Bregenz füllt sich wie von allein mit diesen Klängen, da braucht es kein szenisches Glutamat.

Wie immer sind die Rollen bis zu dreifach besetzt. In der Premiere singt Marjukka Tepponen (nach anfänglichem Überdruck) eine Muster-Violetta. Die Stimme spricht mühelos an, kann sich unforciert weiten, die feinen Seelenschwingungen teilen sich auch über die Mikro-Anlage mit. Julien Behrs Alfredo funktioniert übers beherzte Spiel besser als über manch gequetschten Tenor-Ton. Vladimir Stoyanov ist ein ungewöhnlich hell timbrierter Giorgio Germont, dem die Grandezza etwas abgeht.

Je länger der Abend, desto besser die Regie

Kirill Karabits überzeugt mit den Wiener Symphonikern, wenn er Verdi al dente liefert. Vieles gelingt mit natürlichem Puls und klug ausgehörten (oder tontechnisch ausgesteuerten) Details. Doch manchmal gibt er den Sängerinnen und Sängern zu stark nach. Wie so oft zeigt sich auch hier: Gerade eine Großdimension wie in Bregenz verträgt kaum Tempo-30-Zonen. Vielleicht ist er als Seebühnen-Neuling lieber auf der sicheren Seite unterwegs. Dirigieren (das Orchester wird per Glasfaserkabel aus dem Festspielhaus zugespielt) bedeutet dort ja weniger Interpretation, sondern Koordination.

Je länger der Abend dauert, je mehr sich Michieletto fortwagt aus der realistischen Bebilderung, desto gehaltvoller wird diese „Traviata“. Die Szene mit der schwarzen Riesenkugel, der Todesschattenfleck auf Violettas Kleid, die verheißungsvoll sprießenden Blumen in ihren letzten Momenten – eine eigentümliche Poesie entfalten diese Momente, die nichts erklären wollen. Sie halten den Abend in der Schwebe. Und mag auch die Titelheldin auf einer Spiegelscherbe zusammenbrechen: Vielleicht, das sagt dieses Finale ebenfalls, gibt es da ja eine andere, bessere Dimension.MARKUS THIEL

Vorstellungen

bis 23. August (alle ausverkauft); Restkarten eventuell unter
bregenzerfestspiele.com.

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