Ein Leben auf der Flucht

von Redaktion

Michael Riepl erzählt die Geschichte seiner Großmutter

Wie so oft, wenn eine von Millionen tragischen Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts erzählt wird, ist man erschüttert angesichts der Willkür, Radikalität und Kälte, mit der Menschen schikaniert, enteignet, deportiert, gequält und ermordet wurden. Wahr ist aber auch: Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, überall da, wo Ideologien, persönliche und machtpolitische Interessen über das Individuum gestellt werden.

Das weiß Michael Riepl durch humanitäre Einsätze mit dem Roten Kreuz in der Ukraine und im Kongo aus eigener Erfahrung. Jetzt hat sich der Jurist, Völkerrechtler und Autor dem Leben seiner Großmutter gewidmet und ihre ergreifende, geschichtsschwere Geschichte niedergeschrieben – mit Happy End. Denn Hedwig Krämer war es vergönnt, nach Vertreibung, Hunger, Krieg und Todesangst ein friedliches Dasein als Landärztin in Bayern zu führen. Für Riepl waren ihre Notizen, die er nach ihrem Tod 2018 zum ersten Mal las, eine echte Überraschung. 314 Seiten Schicksal, sachlich notiert. In seinem Buch stellt er nun eigene Aufzeichnungen von seinen NGO-Einsätzen dem Erlebten der Großmutter gegenüber.

Hedwig Krämer beginnt mit ihrer glücklichen Kindheit als Schwarzmeer-Deutsche im Dorf Altmontal, dem heutigen Samoschne in der Ukraine. Zar Alexander I. hatte die Kolonisten zu Beginn des 19. Jahrhunderts in sein Reich gebeten. Sie wurden Landwirte, Kleinunternehmer und pflegten ihre Kultur in dieser multiethnischen Region. Nach dem Ersten Weltkrieg begann der Niedergang. Die Hungersnot 1921, der Holodomir 1932, dann die Enteignung und Vertreibung als volksschädliche Kulaken, Stalins Säuberungen.

Hedwig verbringt trotz allem noch fünf gute Jugendjahre bei ihrem Cousin in Annenfeld im Südkaukasus. Sie kehrt zurück, darf Medizin studieren. 1937 wird ihr Vater verbannt, Sibirien. 1941 greift die Wehrmacht die Sowjetunion an, alle Volksdeutschen müssen in Gulags.

In all diesen Wirren arbeitet Hedwig als Hilfsärztin. 1942 dann gelingt ihr die Flucht ins Deutsche Reich, eine Ausgestoßene bleibt sie auch dort. Vater und Mutter sind verschollen, tot, ebenso die Geschwister. Altmontal ist für immer verloren.

Mit bewundernswerter Kraft schafft sich die junge Frau in der Bundesrepublik ein neues Leben. Ihr Mann, ihre Tochter und der geliebte Beruf sind ihr Heimat genug.STEFANIE LEHMBERG

Artikel 3 von 11