Popelka kann Oper

von Redaktion

Münchens künftiger Generalmusikdirektor dirigiert bei den Festspielen „Rusalka“

Dirigent Petr Popelka (2.v.re.), Bayerischer Generalmusikdirektor ab 2029, mit Christof Fischesser (li.), Malin Byström und Pavel Černoch. © Geoffroy Schied

Als Petr Popelka kürzlich als designierter Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper vorgestellt wurde, galt die Aufmerksamkeit weniger seiner unbestrittenen Begabung als einer Lücke im Lebenslauf: der geringen Opernerfahrung. Nun dirigiert er bei den Münchner Opernfestspielen Dvořáks „Rusalka“, und man erlebt im Nationaltheater allen Unkenrufen zum Trotz: Popelka kann Oper.

Ganz glatt beginnt der Abend nicht. Im Vorspiel scheint der 40-jährige Tscheche zunächst vorführen zu wollen, was er in der Partitur alles neu gefunden hat. Er zieht Nebenstimmen hervor, stellt Klangverhältnisse extrem penibel aus. Das hat zunächst etwas Übererklärtes. Doch dieses Sezieren bekommt bald Sinn. Popelka dirigiert weniger den großen Strom als dessen Strömungen. Meist weit nach links gebeugt, lässt er Holzbläser schweben, hält das Blech zurück, geht für ein Pianissimo in die Knie und wühlt dann wieder mit beiden Armen im Klang.

Nicht jede Klangmischung trifft er genau. Wenn es aber glückt, leuchtet Dvořáks Musik in ungeahnter Weise von innen. In den Dialogszenen bleibt das Bayerische Staatsorchester transparent, ohne dünn zu werden; in der Ballszene darf es mit dem dickeren Pinsel malen. Tempomäßig liegt vieles eher auf der langsamen Seite, ist aber so gespannt, dass die Musik weiteratmet. Vor allem hört Popelka auf die Bühne. Er gibt den Sängern Raum, fängt ihre Phrasen auf, hält die Szene zusammen und deckt niemanden zu. Da versucht kein Symphoniker, seine Partitur möglichst formvollendet über die Rampe zu bringen. Da dirigiert einer Oper.

Diese Aufmerksamkeit für die Bühne braucht Martin Kušejs Inszenierung von 2010. Sie macht aus dem Märchen einen Psychothriller über Missbrauch: Rusalka will der Gewaltwelt des Wassermanns entkommen, gerät bei den Menschen aber nur in das nächste zerstörerische System. Am Ende liegen sie und ihre Schwestern als leere Hüllen in der Psychiatrie. Das Bühnenbild ist in die Jahre gekommen, die Geschichte nicht.

Malin Byström braucht als Rusalka Zeit. Der silbrige Sopran ist zunächst vor allem in der Mittellage noch etwas angelaufen, auch das „Lied an den Mond“ bleibt verhalten. Später gewinnt die Stimme an Körper und strahlt frei in Höhenlagen. Im zweiten Akt spielt Byström die Fremdheit der Figur fast zu stark aus – dabei lernt Rusalka dort gerade sehr menschliche Gefühle kennen.

Pavel Černoch bleibt als Prinz unter den Möglichkeiten der Partie. Sein Tenor schwebt leicht und kopfig, besitzt aber zu wenig Kraft von unten; szenisch bleibt er statisch. Umso stärker Jamie Bartons Ježibaba. Elena Guseva gibt der fremden Fürstin luxuriöse, betörende Ausstrahlung. Christof Fischesser singt den Wassermann solide und stimmschön, ohne dessen Schattenwelten weit auszuleuchten. Schon vor seinem Amtsantritt 2029, so hört man im Umfeld des Hauses, soll Petr Popelka eine Neuproduktion von Verdis „Simon Boccanegra“ übernehmen. Zudem Wagners „Tristan und Isolde“. Bis dahin wird man sich über seine Eignung als Operndirigent keine weiteren Sorgen machen müssen.WILLI PATZELT

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