Rücksturz in die Vergangenheit

von Redaktion

Die Bregenzer Festspiele bringen Janáčeks Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ heraus

Ein Prager Spießer wird ungewollt zum Astronauten: Brouček (Peter Hoare) landet mit seinem Häuschen auf dem Mond. Die Inszenierung stammt von Yuval Sharon, das Bühnenbild von Jon Bausor. © Daniel Ammann

Die Glotze im RTL2-Dauerbetrieb, ein grundsätzlicher Brass aufs Politische, zu jedem Thema eine Meinung ohne Hintergrund, eine an Stammtischen „gereifte“ Geschichtsphilosophie: Broučeks gibt es allüberall, sie tragen allerdings im Regelfall nicht so hübsche tschechische Namen. Witz und Paradox dieser Figur ist ja: Ihr geht es nicht schlecht. Mietshausbesitzer, Strickjackenträger, immer eine Mass Bier plus Würstl zur Hand – warum also diese miese Laune? Janáčeks Oper drängt sich demnach auf: Wer weiß, was der Titelheld bei uns wählen würde.

Gesellschaftssatire mit aktuellen Bezügen

Immer wenn „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ reanimiert werden, ist da also ein großes Aha-Erlebnis. Auch jetzt in Bregenz, wo der Zweiteiler als Indoor-Premiere im Festspielhaus herauskam. Eine Groteske, eine Gesellschaftssatire, die in der tschechischen Geschichte wurzelt, dennoch Allgemeingültigkeit entfaltet. Vor der Pause verschlägt’s den unglücklich Liebenden auf den Mond, dort erlebt er eine Parallelgesellschaft. Die sehnt sich nach der Erde, außerdem ist da eine Wiedergängerin seines irdischen Gspusis. Später wird Brouček mit der eigenen Historie konfrontiert: Unvermittelt landet er in den Hussiten-Kriegen, im 15. Jahrhundert also, als sich Rebellen gegen Rom und Staat wandten und nationales Feuer aufflackerte.

Hintergründiges zwischen Gaga und Märchen ist das. In Bregenz ist es in erster Linie Ausstattungsfutter – dies mit exzellenten Videos von Hannah Wasileski. Die sind besser, fantasievoller als tags zuvor die Seebühnen-Projektionen bei „La traviata“ (wir berichteten). Schon zum Vorspiel sieht man ein kubistisches Städtchen, über dem der Mond aufgeht. Später gibt es eine Reise ins All zum Erdtrabanten. Broučeks Gefährt macht Staunen: Sein kleines Kistenhäuschen erhebt sich zum Start wie eine Rakete, die sich um die eigene Achse dreht und kurze Zeit später auf der Krateroberfläche des Erdtrabanten einschlägt.

Regisseur Yuval Sharon und Ausstatter Jon Bausor sind da sehr fantasievoll unterwegs. Und dies ohne alles zu überreizen (eine Gefahr bei diesem Stück) oder in den Sparwitz zu treiben. Auf dem Mond begegnet Brouček Wesen, die in fast transparenten Quadern stecken. Ein Bauklötzchenballett, trippelnd, hibbelig und ganz allerliebst. Einziges Problem: Die Gesichter des Bühnenpersonals, ihr Mienen- und Gestenspiel hätte man gern gesehen.

Im zweiten Teil klettert Brouček in den Keller, die Unterbühne fährt nach oben, und im Tiefgeschoss erheben sich die Geister der Vergangenheit. Es ist, als ob ein Historiengemälde des 15. Jahrhunderts plötzlich lebendig wird. Über allem steht ein riesiger schräg gestellter Spiegel: Ob der eine Anspielung auf die „Traviata“ draußen mit ihrem zerbrochenen Gegenstück ist – man weiß es nicht. Ganz unverhofft eröffnen sich da jedenfalls listige Ausstattungsparallelen. Sharon lässt das Stück so gut wie ungekürzt spielen, was auch zum Problem wird. Nach einiger Zeit verpufft die Ausstattungswirkung. Die Szenen kreisen um sich selbst oder hängen durch, gerade im „historischen“ zweiten Teil lahmt der Abend.

Ein bisschen merkt man Peter Hoare an, dass er als Einspringer zur Produktion stieß. Manchmal, besonders zwischen den trippelnden Quadern, wirkt er unschlüssig und lässt sich aufs routinierte Spiel zurückfallen. Als Brouček ist der Brite auch andernorts eine sichere Bank: Sein Charaktertenor driftet nicht ins Grelle, man hört mehr Nuancen und Zwischentöne als bei manch aufgekratztem Kollegen. Auch sonst spendiert Bregenz Exzellentes mit Tatev Baroyan als Geliebte des Titelhelden, mit Mihails Čulpajevs, der dank seines stechenden Tenors das Getändel durchkreuzt. Oder mit Károly Szemerédy, der so baritonwürdig klingt, wie er auftritt.

Die Wiener Symphoniker geben unterdessen die Chamäleons. Eben noch mit einer Al-dente-„Traviata“ unterwegs, denken und fühlen sie sich nun in Janáčeks knifflige Partitur hinein. Authentische Hilfe kommt vom Tschechen Robert Jindra am Pult. Ohnehin pflegt das Orchester von der Donau klanglich trennscharf zu musizieren, hier wird das noch intensiviert – und erlaubt einen Blick in Janáčeks Werkstatt. Jindra bringt einen gesunden Zug in die Aufführung, ohne alles zu überwürzen. Auch im Graben wird also fein dosiert, keiner lässt sich hier zur Hyperaktion verführen. Ob „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ damit gerettet sind fürs Repertoire? Den Bregenzer Festspielen steht diese Produktion jedenfalls ausnehmend gut – die geschlossener, adäquater, finessenreicher ist als der „Traviata“-Blockbuster draußen.MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

am 26. Juli und 3. August; bregenzerfestspiele.com.

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