Die bekannteste Verfilmung des Stoffs kam 1956 in die Kinos: Barbara Rütting als Geierwally. © Georg Göbel/dpa
Es ist Tradition in München, dass das Volkstheater seine Premierenpläne zum Start der neuen Saison vorlegt – und nicht wie Residenztheater und Kammerspiele am Ende der vorherigen Spielzeit. Alle Vorhaben für 2026/27 an seinem Haus an der Tumblingerstraße wird Christian Stückl also erst im Herbst bekannt geben. Bereits jetzt ist jedoch klar, wie die städtische Bühne die Saison eröffnet: Julia Prechsl adaptiert die „Geierwally“ nach Wilhelmine von Hillerns Roman. Premiere ist am 24. September; der Vorverkauf hat begonnen. Es ist Prechsls Debüt am Haus.
Die Autorin (1836-1916), die zunächst als Schauspielerin reüssierte, legte mit dem 1875 erschienenen Heimatroman „Die Geier-Wally“ ihr erfolgreichstes Werk vor. Die Geschichte basiert auf einem Erlebnis der Künstlerin Anna Stainer-Knittel. Als 17-Jährige hatte diese sich an einer Felswand abgeseilt, um einen Adlerhorst auszunehmen: ein übliches Vorgehen zum Schutz der Herden. Absolut unüblich jedoch, dass eine Frau die gefährliche Arbeit übernahm. Von Hillern kreierte aus dieser Anekdote ihre Hauptfigur Walburga, die ihre Vorstellung von einem selbstbestimmten Leben nicht nur gegen die raue Natur behauptet. Sondern – sehr viel herausfordernder – gegen die engen Konventionen ihrer Zeit und die Männerwelt. „I bin kei Stück’l Vieh, das sich verkaufen oder versprechen lassen muss, wie der Herr will. I mein, i hätt au noch a Wort mitz’reden, wann’s ans Heiraten geht“, widersetzt sie sich an einer Stelle ihrem Vater und dessen Hochzeitsplänen für die Tochter. Die Geierwally liebt nämlich den Bärenjoseph.
Wilhelmine von Hillerns Roman wurde mehrfach adaptiert, etwa fürs Kino. Nach Produktionen aus den Jahren 1921 und 1940 ist die dritte Verfilmung von 1956 die bis heute bekannteste. Barbara Rütting spielt darin die Titelfigur. 2005 wurde der Stoff mit Christine Neubauer modernisiert und fürs Fernsehen umgesetzt. Auch die Theater fanden Gefallen an der taffen Frau: Der österreichische Autor Felix Mitterer schrieb eine Bühnenversion, die 1993 in Tirol uraufgeführt wurde und ihre deutschsprachige Erstaufführung 2005 bei den Luisenburg-Festspielen erlebte.
Übrigens: Christian Stückl hat sich des Stoffs ebenfalls bereits angenommen. Zu Beginn seiner Intendanz am Münchner Volkstheater inszenierte er 2002 die „Geierwally“ mit Brigitte Hobmeier in der Titelrolle und den Riederinger Musikanten. Die Produktion wurde ein Publikumserfolg. 24 Jahre später kehrt die Geschichte nun also ans Haus zurück. Julia Prechsl, die für ihre moderne Lesart volkstümlicher Erzählungen bekannt ist, wolle freilegen, „was an dieser widerspenstigen Heldin bis heute unbequem und exemplarisch bleibt“.MICHAEL SCHLEICHER