Duell der Blicke: Faust (Steven Scharf, li.) und Mephistopheles (Valery Tscheplanowa) im Salzbuger „Faust“. © Joerg Brueggemann/OSTKREUZ
Keine Angst, es ist nur in seinem Kopf. Faust ist hier der Marathonmann der Selbstbefragung, der ewige Kreisläufer zum Ich. Ein Ziel, das freilich nicht zu erreichen ist. Zumindest nicht in Ulrich Rasches Inszenierung von Goethes Tragödie, die am Samstag bei den Salzburger Festspielen auf der Perner-Insel in Hallein Premiere hatte. Der rund vier Stunden lange Abend (eine Pause) ist eine Koproduktion mit dem Bayerischen Staatsschauspiel, wo er am 6. November im Residenztheater herauskommt. München kann sich darauf freuen.
Kein Gott, keine Wette, kein Pudel, kein Osterspaziergang
Es fehlt manches in dieser Produktion, die vielleicht gerade deshalb so reich ist. Inhaltlich: kein Gott, keine Wette, kein Pudel, kein Osterspaziergang, kein Besuch in Leipzig. Aber auch in der Umsetzung: keine Walzen, keine Laufbänder, keine Scheiben. Rasche konzentriert sich ganz auf den inneren Konflikt des Gelehrten. Vier Figuren benötigt er dafür: Faust, Mephistopheles, Gretchen, Valentin. Sie alle sind Teile des grübelnden Schmerzensmanns. Auf die wuchtige Maschinerie, die er sonst gerne nutzt, verzichtet der Regisseur, der sich vor zehn Jahren mit Schillers „Räubern“ fulminant am Residenztheater vorgestellt hat.
Es ist ein Verzicht, der kaum schwergefallen sein dürfte. Denn Rasche hat Steven Scharf und Johannes Nussbaum als alten und jungen Faust. Er hat Valery Tscheplanowa als Gottseibeiuns. Er konnte mit Anna Drexler als Margarete und Max Rothbart als deren Bruder Valentin arbeiten. Dieses fünfköpfige Ensemble ist an Präzision, Spielfreude, Rhythmus, Sprachbewusstsein und Präsenz unschlagbar. Ein Schauspielfest.
Natürlich ist Bewegung in diesem „Faust“. Die Drehbühne läuft (fast) die gesamte Zeit. Alfred Brooks hat eine Soundkulisse komponiert, die zur Mitspielerin wird. Sie gibt den Takt vor, in dem die Schauspielerinnen und Schauspieler dem Text begegnen. Sie nehmen diesen wohltuend ernst, sprechen langsam und bewusst, was jedoch nie zur Pose verkommt, sondern in jedem Augenblick der Konzentration dient. Kein Schnick, kein Schnack lenkt ab von dem, was sich da in großer Unerbittlichkeit entwickelt. Mehr noch: Die Inszenierung hält es aus, dass lange nicht gesprochen wird – Schritte und Blicke, Musik und Licht übernehmen die Erzählung.
Über der Spielfläche schweben zwei große Rechtecke, die von innen beleuchtet werden können. Sie sind heb- und senkbar und können gegeneinander verschoben werden. Sie trennen Räume voneinander, werden zum Hindernis oder zur schmalen Gasse, kaum schulterbreit, in der Faust etwa dem Teufel (in sich) begegnet. Eine Fluchtmöglichkeit gibt’s da nicht. Diese Bauten sind mächtig, gewiss. Doch verdrängen sie nie das Ensemble. Wenn sie einen Innenraum begrenzen, wird das Geschehen außen projiziert. Florian Seufert zitiert in seinen Videos die Ästhetik des Horrorfilms, etwa durch Bildstörungen, Signalrauschen, Doppelbelichtungen. Eine der seltenen Spielereien.
Es ist beeindruckend, wie Yannik Stöbener mit den Schauspielerinnen und Schauspielern für jede Figur eine Körperlichkeit erarbeitet hat. Zwar setzten sie ihre Schritte stets im Takt – doch bleiben Individuen erkennbar. Da schleppt sich etwa Steven Scharf zu Beginn alleine dahin. Schultern, Arme, Haupt voraus. Mehr braucht er nicht, um vom Leidensweg dieses Kopfmenschen zu erzählen. „Ich fühl’s“ ist der erste Satz, der ihm keine Qual zu bereiten scheint; „Gefühl ist alles“, wird er später feststellen. Da freilich hat er Gretchens Leben nahezu ruiniert. Trotz seiner Präsenz (und einer Stimme zum Reinlegen) arbeitet Scharf auch das Zögern, Grübeln und Zaudern seines Fausts heraus.
Valery Tscheplanowa, deren Mephisto wie alle anderen von Annika Lu mit schwarzem Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte eingekleidet wurde, ist ihm starke Partnerin mit großer Eleganz, maliziösem Lächeln und einem enormen Körperbewusstsein. Johannes Nussbaum gelingt Erstaunliches: Er zeigt tatsächlich den jungen, virilen Faust – und legt dennoch bereits all jene Aspekte an, die in Scharfs Spiel dann offenkundig werden. Die stets großartige Anna Drexler gestaltet Gretchen selbstbewusst. Nur konsequent, dass in einer Welt, in der Gott keine Rolle spielt, sie es ist, die am Ende ihre Rettung verkündet. Max Rothbart nutzt seine wenigen Szenen pointiert, um klarzumachen, dass sein Valentin symbolisch für den Spießer in Faust steht.
Aus Sprache und Körper entsteht bei diesen fünf ein konzentrierter Tanz, ein Thriller, ein Mit- und Gegeneinander der Affekte. Teuflisch gut. Doch keine Angst, es ist nur in seinem Kopf. Oder? Heftiger Jubel.MICHAEL SCHLEICHER
Nächste Vorstellungen
am 28., 30., 31. Juli sowie am 2., 3., 5., 6. August; Telefon 0043/662 8045 500. München-Premiere ist am 6. November; Karten unter www.residenztheater.de.