BAYREUTHER BLICKPUNKTE

Trampeln für Siegmund

von Redaktion

Rheingoldsuche bei „Wagner für Kinder“. © Enrico Nawrath

Am Abend zuvor sind wir noch unter uns. Wir, das sind die paar Tausend im Festspielpark. Mit Decken, Klappstühlen, Kühlboxen, Picknickkörben auf dem Rasen. Oder stehend, in Nachschubweite zum Getränkewagen. Aber eben: ohne Söder, ohne Merz, trotzdem mit Promis. Zum Beispiel mit Tenor Benjamin Bruns, er schlendert im dunkelblauen Zwirn, lila Einstecktuch, vom Festspielhaus herunter. Mit einer Entschuldigung: „Keine Sorge, die Schuhe wechsle ich noch.“ Der Mann trägt ausgelatschte Sport-Treter, ist halt bequemer. Eine halbe Stunde später steht er auf der Open-Air-Bühne, singt Häppchen aus „Lohengrin“ und „Tristan“, die Stimme sitzt, das schwarze Schuhwerk ebenfalls.

„N Kessel Buntes“ sei das Programm, hatte Bruns versprochen. Einmal quer durch Wagners Partiturengarten. Früher gab’s mal Stimmungsbringer aus „West Side Story“ oder „Land des Lächelns“, zum 150. Geburtstag der Festspiele muss es Richard pur sein. Sopranistin Vida Miknevičiūtė jubiliert unter anderem von der „teuren Halle“ aus dem „Tannhäuser“, Bariton Christopher Maltman besingt als „Rheingold“-Wotan die Abendsonne, Pablo Heras-Casado betreibt besonders beim „Walkürenritt“ reichlich Dirigenten-Gymnastik, das Festspielorchester bleibt ungerührt. Und ein Moderator gibt den Spar-Gottschalk.

Thema ist ohnehin die Chefin, sie spricht ein Grußwort mit dünner Stimme: Eigentlich dürfte Katharina Wagner gar nicht hier sein. 24 Stunden zuvor kam sie in die Klinik. Akuter Blinddarm, noch immer Schmerzen, mutmaßlich Selbst-Entlassung auf eigene Gefahr. Hart im Nehmen ist sie, die Festspielleiterin.

Gute zwölf Stunden später ist der Festspielpark in Kinderhand. Im oberen Teil hat Katharina Wagner ein rechteckiges Stahlrohrzelt errichten lassen, das „Kleine Festspielhaus“, bedruckt ist es mit den Fassadenteilen des echten Tempels ein paar Schritte weiter. „Wagner für Kinder“, das hat hier Tradition. Heuer ist es mal wieder der „Ring des Nibelungen“: 15 Stunden heruntergekürzt auf gute zwei plus Pause. Ist trotzdem für die Kleinen ein bisserl lang, funktioniert aber dank Leonie Haupt (Regie), Azis Sadikovic (Dirigent) und gestandenen Solisten prächtig. Joachim Goltz zum Beispiel, auf großen Bühnen ein herausragender Alberich, hat sichtlich Spaß, den genervten Buhmann zu geben.

Ich habe mich in die letzte Reihe verdrückt, man will ja keinem die Sicht nehmen. Beim Hilfstrampeln für Siegmund, der Schwert Nothung aus dem Bühnenboden ziehen muss, bin ich dabei. Wagner-Nerds wie wir Erwachsene registrieren die kindgerechten Änderungen. Also: kein Inzest zwischen Sieglinde und Siegmund, Letzterer wird im Halbdunkel gemeuchelt, der Riese Fasolt im Off. So munter wie in diesen beiden Stunden wird es die ganze Woche nicht mehr. Täglich will ich hier über Randgeschichten berichten. Also: Bleiben Sie dran.

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