Ein netter Versuch

von Redaktion

Wagners frühe Oper „Rienzi“ erstmals im Bayreuther Festspielhaus

Tragisches Duo: Gabriela Scherer (liegend) und Jennifer Holloway. © Nawrath

Ein Volkstribun wird Opfer seiner Hybris: Szene mit Andreas Schager als Rienzi in der Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka. © Enrico Nawrath

Radschlagen kann der kleine goldene Richard. Vor allem aber Dirigieren, und zwar seine eigenen Schöpfungen. Wotan, Lohengrin, Tristan, alle treten sie auf. Auch Parsifal, dem Kundry kurz zeigt, wie er den Gralskelch anknipsen kann. Um darauf, so steht’s ja im Text, „entseelt“ zu Boden zu sinken. Hier macht sie einfach plumps, der Vorhang fällt. Grinsen, unterdrücktes Gelächter, Amüsement im Festspielhaus, so macht „Rienzi“ Spaß. Besonders wenn man die Ballettmusik nutzt für eine Pantomime und Bayreuth-Karikatur. Gute fünf Minuten szenischer Rettungsanker, die übrigen 215 Minuten sind hart genug.

Politiker zwischen Inzest und Fake News

Noch nie wurde Wagners Antikentragödie hier gespielt. Zum 150. Geburtstag der Festspiele wird der Fünfakter gestemmt, mit dem der Komponist der französischen Grand Opéra nacheiferte, die spektakelnden Musterstücke eines Giacomo Meyerbeer nie erreichte, um diesen (auch deshalb) inniglich zu hassen. Wie überall, wo man „Rienzi“ reanimiert, wird an ihm geschraubt. Doch so sehr man die Giga-Chöre eindampft (die in ihren ewigen Selbstumdrehungen bald nur noch kalte Hitze verströmen), Rezitative beschneidet oder anderes rafft: Die Brüche und Leerstellen werden dadurch fast noch offenbarer.

Die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka nutzen die Ouvertüre, um eine Vorgeschichte zu erzählen, es ist die inzestuöse Beziehung zwischen Rienzi und seiner Schwester Irene. Einen kleinen Jungen gibt es, mutmaßlich das Kind des Paares. Er ist todkrank und stirbt. Ein Lebenstrauma, das vieles der kommenden Stunden erklären könnte, aber letztlich nicht ausinszeniert wird. Szemerédy/Parditka bebildern weitgehend am Stück entlang. Dass sie es mit gut abgehangenen modernistischen Zutaten tun, ist das Problem.

Ein römischer Volkstribun, der gegen den Adel kämpft, Opfer seiner Hybris und bald seiner Anhänger wird, um im brennenden Kapitol zu sterben: Das ist hier der Politiker eines undefinierbaren Heute. Die Wahl gewinnt er mit 41 Prozent, wir sehen Hochrechnungen, ein Nachrichtensender berichtet auf vielen TV-Schirmen. Alle Männer haben Handys, per WhatsApp-Gruppe wird zum Angriff gerufen. Ein Führer dank Fake News. Die Checkliste der Modernismen wäre damit abgehakt.

Der gefallene Tribun ist hier ein anfangs selbstbesoffener, später schwer angeknackster Typ. Mal erleidet er Visionen, mal kauert er wie ein zuckender Embryo in der Ecke. Ein Mann zwischen zwei Frauen, zwischen seiner Schwester Irene und Adriano: Wagner sah dafür eine Mezzosopranistin vor, in Bayreuth lässt die intensive Jennifer Holloway ihren Sopran dramatisch flackern; sie trägt Anzug, eine androgyne Figur mit saftiger Brünnhilden-Stimme.

Viel Materialeinsatz ist auch bei Andreas Schager in der Titelrolle zu hören. Unter der Fortestufe macht er’s nicht (mehr). Das ist so effektvoll und imponierend wie stilistisch verkehrt: Zur Uraufführungszeit des „Rienzi“ gab es noch keine Siegfried-Stimmen. Wagner schwebte ein flexibler Tenor-Typ mit erheblichen Reserven vor. Schager bietet Muskelspiele. Leise Passagen sprechen schwer an oder sind knapp intoniert, das Ende des Tribuns kommt keine Sekunde zu früh.

Ansonsten ist die Männerriege exzellent besetzt. Michael Nagy als emphatischer Orsini und Andreas Bauer Kanabas als belcantohafter Colonna müssen viel zu früh den Bühnentod sterben. Matthias Stier ist ein prononcierter, textklarer Baroncelli. Gabriela Scherer muss als Irene darunter leiden, dass Wagner sie anfangs mit Stichworten und Duett-Momenten abspeist – was man bei dieser Charakterdarstellerin kaum merkt. Ihr Solo auf der Zielgeraden nutzt sie dann für den großen Sopran-Aufriss.

Wie so häufig bei romantischen Schwergewichten zielt Dirigentin Nathalie Stutzmann aufs Entschärfen, auf eine Anti-Klischee-Aktion. Vieles klingt mit dem Festspielorchester ungewöhnlich gerundet, kantabel. Gern lässt sie sich dafür Zeit, in der kniffligen Akustik des Hauses mit dem überdeckten Graben sorgt das auch für Durchhänger. Was fehlt: der energische Zugriff (bis aufs Finale), ein Sensorium für das Kantige, Motorische der Partitur, für ihre – manchmal sehr durchschaubaren – Überwältigungsmechanismen.

Das Setting von Szemerédy/Parditka bewegt sich zwischen Mehrfamilienhaus, das aus dem Boden fährt, und Tribüne, dies in mehreren Verschiebungszuständen. Videos (Leonard Koch) zeigen Wahlergebnisse, utopische Wolkenstimmungen und am Ende eine unter einem Kriegsangriff explodierende Stadt. Ein schweißtreibender Abend auf allen Seiten, eine Anstrengung, aller Ehren wert. Bayreuth will „Rienzi“ nur 2026 spielen. Eine weise Entscheidung.MARKUS THIEL

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