Zogen das Publikum in den Bann: Christian Gerhaher (re.) und Pianist Gerold Huber. © Hösl
Alles ist Erinnerung. Auch Liebe und Lenz zu Anfang des Programms erlebt man im Lied-Zyklus „Elegie“ nur im Rückblick. Dieses Werk von Othmar Schoeck bewegt sich auf „des Glückes Stoppelfeldern“, wie es im Lied „Herbstgefühl“ heißt. Christian Gerhaher hat sich schon mit seiner CD-Aufnahme der Kammerorchester-Version zu einem überzeugenden Fürsprecher dieser Musik gemacht. Doch beim Opernfestspiel-Liederabend, nur mit Klavier und Stimme, gelangte man auf eine noch tiefere Ebene des Begreifens und Empfindens. Denn erst, wenn genug fehlt, in diesem Fall das Klangliche, sieht man mitunter, was wirklich da ist.
Bei dem Schweizer Komponisten herrscht kein Defizit gegenüber den Vorbildern aus der Romantik. Aus seinem Werk von 1922 hört man aber auch heraus, was seither verloren war. Musikalisches Erbe bleibt da nur Erinnerung. Gerhaher ging das ganz von der Sprache her an, fast als Gedichtvortrag, der sich nur punktuell der Kammersänger-Bariton mischte. Und siehe: Die gleichmäßige Viertelnoten-Deklamation, die beschränkte Farbpalette, der eher tiefe, flache Ambitus der Musik ergaben Sinn. Eine radikale Reduzierung, eine Freilegung von Inhalten.
Nur selten, meist im Zornesbrausen, verfiel Gerhaher ins Theatralische. Sonst schilderte er dieses Seelenherbst-Panorama eher empathisch-objektiv. Welches sich ausbreitet in den Versen des Weltschmerz-Weltmeisters Nikolaus Lenau, abgemildert mit etwas Eichendorff. Wobei das ausverkaufte Cuvilliéstheater neben seiner intimen Akustik immerhin visuell Wärme vermittelte.
Es war eine nach innen gerichtete Virtuosität, in Geisteseinklang mit Pianist Gerold Huber: Jede Schattierung, jedes weitere kleine Detail ein Großereignis. Eine umso beeindruckendere Leistung, weil sie das Publikum nicht mit dankbaren Effekten überwältigen wollte. Sondern ganz auf Konzentration, Durchdringung baute. „Elegie“ ist keine Seelenreise-Erzählung mit dramaturgischem Bogen, sondern eine Zustandsbeschreibung, deren Schluss ins Mark fährt: Trost findet sich nur im Annehmen der Erkenntnis, dass auch man selbst dereinst vergessen sein wird.
Danach geht eigentlich keine Zugabe – Gerhaher aber wusste die einzig denkbare: die Vertonung zweier Nikolaus-Lenau-Gedichte durch Robert Schumann.THOMAS WILLMANN